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Leserbrief

Die Schafe scheren

Hans Mechnig,Im Tröxle 46, Schaan | 9. Oktober 2019

Was meinen Sie, was Frau Marxer sagen würde, wenn sie morgen in ihrem Lieblingscafé für den Grüntee und das vegane Birchermüesli auf einmal ein Mehrfaches von dem bezahlen würde, was die Wirtin von anderen Gästen verlangt? Oder wieder andere das von ihr teuer zu bezahlende Quinoaschnitzel umsonst bekämen? Das Gleiche beim Bio-Gemüsehändler, im Lachyogakurs, bei der Kinesiologin, an der Ladestation für das Elektroauto und im Dritteweltladen sowieso? Auf Schritt und Tritt, immer und überall: Frau Marxer zahlt mehr, andere zahlen weniger bis nichts.
Die Antwort mag Sie erstaunen, aber: Frau Marxer wäre ein glücklicher Mensch. Zumindest im Falle konsequenter Anwendung eigener Gerechtigkeitsideale. Steuern betreffend kommt sie in ihrem Leserbrief vom 5. Oktober 2019 auf jeden Fall klar zur Sache. So ist die Mehrwertsteuer «eine ausserordentlich unsoziale und ungerechte Steuer, weil sie für alle gleich hoch ist und dadurch Leute mit wenig Geld ungleich stärker belastet». Und wenn es ausserordentlich unsozial und ungerecht ist, dass eine Steuer für alle gleich hoch ist, muss es auch ausserordentlich unsozial und ungerecht sein, wenn der Preis für irgendetwas anderes für alle gleich hoch ist. Denn auch der Preis von einem Kilo Kartoffeln, egal wie hoch oder tief, belastet Leute mit wenig Geld stärker als solche mit mehr Geld. Am besten sollten wir der Heuchelei ein Ende setzen und anerkennen: Bei Steuern geht es nicht um Gerechtigkeit und beispielhaftes Sozialverhalten. Es geht darum, dass sich der Staat per Gesetz, das heisst unter Androhung von Zwang und Gewalt, Einnahmen verschafft.
Man ahnt es förmlich, schon der schiere Vorgang verheisst wenig Raum für Romantik. Dass die sogenannten «Reichen» den Grossteil dieser Lasten aufgebürdet bekommen, hat ebenfalls nichts mit Gerechtigkeit zu tun. Im Gegenteil, das beruht – es lebe die Demokratie – auf der Errungenschaft genannt «Mehrheitsbeschluss». Eine Mehrheit beschliesst, eine Minderheit auszunehmen, oder es zumindest andauernd zu versuchen. «Demnach lässt sich plausibel erklären, warum die real existierende Fiskokratie unter dem Pseudonym der Demokratie sich heute mehr denn je einer bequemen Prosperität erfreut: Wenn schon die Tätigkeit des Fiskus im Allgemeinen von einer quasinatürlichen Unpopularität begleitet wird, gewinnt sie doch die Zustimmung der Mehrheiten, sobald sie sich als das geeignete Mittel erweist, die Schafe mit den längeren Haaren zu scheren.» (Peter Sloterdijk; «NZZ»; «Wer befiehlt, zahlt nicht»)

Hans Mechnig,
Im Tröxle 46, Schaan

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