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Leserbrief

Müllphrasen?

Jo Schädler, Eschnerstrasse 64, Bendern | 28. September 2019

In seinem Forumsbeitrag – «Volksblatt» vom 25. September: «Rotkäppchen macht eine nicht repräsentative Umfrage» – schreibt Walter Kranz, Mitglied des Initiativkomitees «HalbeHalbe»: Es gebe keine Hinterlist, wofür er als Mitglied des Komitees geradestehen würde. Er beginnt sein Pamphlet mit der Ansicht, dass Killersätze, Leerformeln, gar Müllphrasen wären, die das Gespräch blockieren und Fronten schaffen würden. Als Beispiele nennt er: «Das haben wir immer so gemacht», «Das haben wir nie so gemacht», «Das haben wir x-mal versucht, es geht bei uns nicht», «Es bringt sowieso nichts!» und «da könnte ja jeder kommen, oder jede, oder, «wo kommst du denn her?», «das wird keine Mehrheit finden!».
Wenn man solche Einwendungen als Killersätze, ja Totschlagargumente abtut, nur weil man keinen Grips hat sich dagegen zu wehren, macht man genau das, was man ja verhindern will. Nämlich, einem guten Gespräch den Durchbruch verwehren. Wie könnte ein solches stattfinden, wenn das Gegenüber bei jedem Satz, der ihm nicht passt, dich sofort als Killer und Totschläger verurteilt und sich schmollend in seine Rotkäppchen-Anstandshütte zurückzieht.
Was dieser Gesellschaft abhandengekommen ist, ist der Mut zur freien Rede und zur freien Meinung. Wir leben längst in einer Welt von überbordendem Gutmenschenanstand, in dem jeder, der den anderen denunziert, als Wächter über Sitte und Moral auch noch hofiert wird.
Wie wäre es mit Erwachsenheit? Je ausbeuterischer der Neoliberalismus ist, desto «zartfühlender» wird die Sprache seiner Repräsentanten, konstatiert Robert Pfaller in «Erwachsenensprache. Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur»: Eine klarsichtige Gegenwartsanalyse, in der Pfaller eine zunehmende Infantilisierung der Öffentlichkeit kritisiert. Sätze, deren Anwender Herr Kranz als Mörder verurteilt, sollten unter gebildeten Menschen Anregung sein, das Gespräch zu pflegen und seinen Windungen freien Lauf zu lassen, damit sie letztendlich frei von Verlogen und Vertuschtheit ihr Ziel der Klarheit finden. Sagt einer, «Das haben wir immer so gemacht», entgegne man: Darum hat es ja nie funktioniert. «Das haben wir x-mal versucht, das geht bei uns nicht» – Wenn ihr das versucht, dann kann es ja nicht gehen. «Wo kommst du denn her?» – Von da, wo man Dumme wie dich ins Heim steckt. Und so weiter. Oder man verwende ruhig Schopenhauer, der die geistige Fechtkunst als Dialektik der Verteidigung wahrer wie unwahrer Behauptungen sieht und meint: «Eine Grobheit besiegt jedes Argument.»

Jo Schädler, Eschnerstrasse 64, Bendern

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