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Leserbrief

Geist und Materie

Jo Schädler, Eschnerstrasse 64, Bendern | 14. September 2019

Ich nehme die Materie aller Welt in einer allgemeinen Zerstreuung an und mache aus derselben ein vollkommenes Chaos, meinte Immanuel Kant schon 200 Jahre, bevor der Landtag in Vaduz eine neue Bleibe bekam. Und diese entstand in einem, in der Welt einmaligem Vorgang, nämlich, dass im ganzen Land niemandem bewusst war, was es beutet, ein Parlament zu bauen und man hat hirn- und geistlos, das ganze einfach dem Architekten überlassen. In einem Parlament sind weder die Wände noch die Fussböden noch die Fassade wichtig, sondern einzig die Sitzordnung. Der Präsident hat erhöht im Zentrum zu sitzen, die Regierung unter ihm und die Volksvertreter alle im gleichen Abstand zum Präsidenten. So wie das in 99 Prozent aller Parlamente auf der ganzen Welt ist. Schön wäre es ja gewesen, wenn man in Liechtenstein schlauer gewesen wäre und man hätte der ganzen Welt zeigen können, dass der runde Tisch das bessere Werkzeug ist, ein Land zu lenken. Ob sich unser Geist, den unsere Volksvertreter im Parlament zu bearbeiten haben, dereinst vervollkommnet, wenn wir 200 Casinos haben, bleibt abzuwarten. Eher aber nicht, denn alles deutet darauf hin, dass auch beim geplanten Landesspital der Geist die Materie schon losgeworden ist, die Materie den Geist aber niemals loswerden kann. Bei der Standortfrage hat er, der Geist, ja schon kräftig versagt. Wie kann man ein Krankenhaus an einer Strasse plazieren, welche den täglichen Verkehr kaum mehr schlucken kann und in der Früh und am Abend vollständig zugestopft ist? Wie kann man einen Platz wählen, in dessen unmittelbarer Nähe ein Kieswerk den ganzen Tag rattert, der Werkhof seinen Krawall veranstaltet, die Postautos ihre Dieselmotoren aufwärmen, der Rhein seine Wellen schlägt und über dem Damm die Autobahn das Summen der Bienen verstummen lässt? Und wie kann man in einem kleinen Land, dessen grüne Wiesen sein kostbarstes Gut sind, diese versauen und sinnlos verbauen, als ob man diese am Automaten wie eine Cola-Büchse für drei Franken wieder neu ziehen könnte? Wir ahnen es. Die Materie ist auf dem Siegeszug und die Baugeilheit trieft schon von den Maurerkellen. Und wieder wird wie beim Landtagsbau jener Architekt den Zuschlag bekommen, dessen Entwurf uns wie der Knochen beim Hund, jenem die Synapsen vernebelt. Das Zuschg-Gebäude mitten in der Landstrasse, das Clunia nicht minder, die Ziegelhütte, so wie die meisten öffentlichen Bauten tragische Zeugnisse einer Architektur ohne Kultur und ohne Anstand dem Bauherrn gegenüber.

Jo Schädler, Eschnerstrasse 64, Bendern

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