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Leserbrief

Vom Können und vom Wollen

Jo Schädler, Eschnerstrasse 64, Bendern | 3. August 2019

«Oh Herr, du hast mir das Können genommen, nun nimm mir auch das Wollen.» Diesen tiefsinnigen Satz, meist als Galgenhumor vorgetragen, hört man oft im Kreise ergrauter oder glatzköpfiger Knilche, die erkennen müssen, dass sie in ihren besten Jahren ihre ganze Kraft sinnlos unter der Hand verschleudert haben, anstatt sie zu hegen und zu pflegen und erst dann einzusetzen, wenn sie Nutzen brächte. Aber nicht nur den Friedhofsblonden lassen diese Worte Wehmut durch die Falten huschen, nein, auch in anderen Bereichen des täglichen Lebens kann man ihr Wirken erkennen. Allen voran beim Amt für Bau und Infrastruktur. Dass dort das Können und das Wollen auf sehr ungleichen Pferden, das eine auf einem Ackergaul mit nur drei Füssen und das andere auf einem Araberhengst daherkommen, lässt sich in nichts Schönerem, als an ihren Taten ablesen. Neueste Schreckenstat; das Dach der Ziegelhütte wird geflickschustert. Erst wollte man dafür «nur» 600 000 Franken erhaschen, nun will das Wollen aber plötzlich 800 000 Franken wollen. Betrachtet man die hässlichen Betonplatten, welche jetzt auf diese Zipfelmütze geklebt werden, erkennt man, dass das Können nicht einmal können kann. Eingefärbter Beton ist, wie man weiss, nach ein paar Jahren ausgegilbt. Also die Farbe dort hineinzumischen, hätte man sich sparen können. Bislang hat das Gesamtkunstwerk des deutschen Architekten lediglich durch die Aneinanderreihung von Millionen Ziegelsteinen, nicht aber durch Architektur überzeugt. Nachdem nun die 800 000 Franken in hässliche Betonplatten hineinbetoniert sind, ist auch dieser eh schon dürftige Millionenreiz auch noch dahin.
Ein anderes Beispiel, welches das Können und das Wollen in seiner ganzen Tragweite sichtbar macht, ist die Politik und zwar in seiner Gänze. Auch wenn Noam Chomsky meint, dass der schlaue Weg, Leute passiv und fügsam zu halten darin bestehe, die Breite der akzeptablen Meinungen stark zu begrenzen, jedoch innerhalb dieser Grenzen eine sehr lebhafte Debatte zu erlauben. Blickt man über diese Begrenzung, kommt einem unweigerlich die Doppelzeitungsseite in den Sinn, in welcher der Abgeordnete der Freien Liste, Herr Lageder, titelt, dass die Weis-sen nicht so extrem sind, wie das die meisten empfänden. Und er könne sich sogar vorstellen, dass sein Können für ein Regierungsamt mit entsprechender Lohnstufe ausreichen könnte, welche er auch wolle. Hier hat der Herr im Himmel also einem das Können und das Wollen gelassen und nicht weggenommen.

Jo Schädler, Eschnerstrasse 64, Bendern

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