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Leserbrief

Liechtenstein und die Legasthenie

Andreas und Claudia Oehry, Reschweg 11, Schaan | 6. Juli 2019

In Liechtenstein gibt es keine Le­gasthenie, wohl aber Legastheniker/-innen. Legasthene Kinder erbringen in der Schule normale Leistungen – ausser beim Lesen und Schreiben. Sie haben Probleme bei der Umsetzung der gesprochenen in geschriebene Sprache und umgekehrt. Oft verfügen sie hingegen über besondere Stärken in naturwissenschaftlichen und technischen Fächern. Auf die Fantasie, das logische Denkvermögen oder das Sprachgefühl hat die Lese- und Rechtschreibschwäche (LRS) keinen Einfluss. Auch bei der Intelligenz unterscheiden sich Le­gastheniker nicht von ihren Mitmenschen. Selbst Hochbegabte können betroffen sein. Albert Einstein war Legastheniker, ebenso der Dichter Hans Christian Andersen oder die Krimiautorin Agatha Christie.
Bereits seit den 1980er-Jahren wird LRS in Deutschland an den Schulen berücksichtigt: «Bei einer Arbeit zur Bewertung der Rechtschreibleistung kann die Lehrperson im Einzelfall eine andere Aufgabe stellen, mehr Zeit einräumen, von der Benotung absehen und die Klassenarbeit mit einer Bemerkung versehen, die den Lernstand aufzeigt. In den Fremdsprachen können Vokabelkenntnisse durch mündliche Leistungsnachweise erbracht werden. Die Rechtschreibleistungen werden nicht in die Beurteilung der schriftlichen Arbeiten einbezogen.» (LRS-Erlass, Nordrhein-Westfalen). In der Schweiz und in Österreich besteht ein vergleichbarer Nachteilsausgleich.
In Liechtenstein wird LRS nicht berücksichtigt. Legasthene Kinder werden benachteiligt. Besonders ausgeprägt ist die Benachteiligung, wenn auch ausserhalb des Sprachenunterrichts LRS-bedingte Fehler in die Bewertung einfliessen. Die schlechten, für das Kind nicht leistungsgerechten Noten führen zu grosser Schulunlust und können verheerende Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen des Kindes haben. Betroffene Eltern müssen frustriert zur Kenntnis nehmen, dass das Schulsystem diese Benachteiligung völlig ignoriert. Es ist nicht nachvollziehbar, warum eine weitherum anerkannte Entwicklungsstörung in Liechtenstein keine Berücksichtigung findet. Politik und Verwaltung kommen ihrer Pflicht nicht nach, für den gleichberechtigten Zugang zu schulischer und beruflicher Bildung zu sorgen, obwohl seitens der Lehrerschaft auf das Problem angeblich immer wieder hingewiesen wird. Da Legastheniker oft überdurchschnittliche Begabungen in naturwissenschaftlichen und technischen Fächern aufweisen, geht der Gesellschaft aus­serdem viel zukünftige Innovationskraft verloren

Andreas und Claudia Oehry, Reschweg 11, Schaan

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