Volksblatt Werbung
Volksblatt Werbung
Leserbrief

Mein Kaiserjäger

Joseph Schädler,Eschnerstrasse 64, Bendern | 24. Juni 2019

Vor etwa 10 000 Jahren war das ganze Rheintal bis weit ins Allgäu hinaus mit einem dicken Gletscher bedeckt. Nach dessen Verschwinden gab es erst keine, dann nur zaghaft Vegetation. Doch nun, seit ein paar Tausend Jahren, sind die Berghänge wieder bewaldet und selbst der Riese von Guflina kann sich darin wieder verstecken. Reh und Hirsch haben sich im Forst mit den Grünröcken zu einem wohligen Halali zusammengerauft, dessen Krönung zwischen Fütterung und Abschuss die Trophäenschau darstellt. Das Zur-Schau-Stellen der Trophäen demonstriert, wie präzise es der Evolution gelungen ist, dem Gamsbartträger jene ruhige Hand zu geben, mit welcher er mit einem kurzen Fingerzucken den wohlgemästeten Hirsch zur Herausgabe seines Geweihs zu überreden fähig ist. Doch nun droht aus heiterem Himmel Ungemach, denn der Wald kann ab sofort seine Schutzfunktion, die er sich in zehntausend Jahren angeeignet hat, nicht mehr erfüllen und Hirsch und Jäger mitsamt seiner Bockbüchse drohen unter Geröll zerschmettert zu werden. Das alles mag ganz fürchterlich erscheinen und dem einen oder dem anderen den Schlaf rauben. Aber keine Furcht, es gibt Hoffnung. Und diese liegt wie so oft im Altbewährten. Noch beim letzten Kaiser von Österreich war es üblich, den dunkeln Tann dadurch zu schützen, indem man den Kaiser überredete, er solle sich einen Bart bis über den Bauch wachsen lassen und auf seinen Hut einen halben Meter hohen Gamsbart kleben. Dies, damit er vom Hirsch als einer der seinen erkannt werde. Dann hat man ihn in einer hohlen Gasse auf seinem Jagdsofa so geschickt postiert, damit er die von Hunderten Treibern vor sein Lust und Knallrohr getriebenen Kühe und Böcke ergebnisreich dahinmeucheln konnte. Jene Jagdmethode war so erfolgreich, dass man das Wild sogar aus fernen Landen importieren musste. Eine weitere, leider in Vergessenheit geratene Art den Wild-Wildwuchs einzudämmen, war die Wilderei. Nicht nur dem Jennerwein, einem der erfolgreichsten Wilderer überhaupt, gebührt heute noch Respekt und Achtung vor seinem Ehrgeiz, den Schutzwald zu schützen; nein, auch den vielen ungezählten, zu Unrecht, meist vom Aufseher durch den gezielten Schuss in den Rücken durch die Brust bergwärts dahingerafften, lizenzlosen Privatjägern sei ein rührig Andenken bewahrt. Denn diese haben, bevor Allradjeep, Zielfernrohr, Überschallmunition und nackt rasierte Jäger den Wildbestand explodieren liessen, für ein aus heutiger Sicht gut ausgewogenes Miteinander von Wild und Wald gesorgt.

Joseph Schädler,
Eschnerstrasse 64, Bendern

Teile diesen Leserbrief mit deinen Freunden

Leserbrief schreiben

Wie denken Sie darüber?
Titel
Text 0 / 2500 Zeichen
Weiter