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Leserbrief

Forumsbeitrag des VMR zum Frauenstreik 2019

Verein für Menschenrechtein Liechtenstein (VMR) | 13. Juni 2019

Der Gleichstellungsgrundsatz von Frau und Mann ist in unserer Verfassung verankert. Vor 20 Jahren trat das Gesetz zur Gleichstellung von Frau und Mann in Kraft. 1995 ratifizierte Liechtenstein die UNO-Frauenrechtskonvention. Die Verfolgung einer aktiven Gleichstellungspolitik im Rahmen des UNO-Nachhaltigkeitsziels Nr. 5 – «Geschlechtergleichstellung erreichen und alle Frauen und Mädchen zur Selbstbestimmung befähigen» – wurde von der Regierung als strategische Leitlinie zusammen mit dem Regierungsprogramm 2017–2021 verabschiedet. Gesetzliche Grundlagen und politische Leitlinien bestehen, doch wie steht es mit der gesellschaftlichen Realität?
Ende 2017 arbeiteten in Liechtenstein 72 Prozent der erwerbstätigen Frauen in Teilzeit. Bei den Männern waren es 27 Prozent. Eng damit verbunden ist die Aufteilung der Haus- und Familienarbeit. Gemäss der schweizerischen Arbeitskräfteerhebung wendeten Frauen im Jahr 2016 durchschnittlich 53 Stunden pro Woche für Familie und Haushalt auf – Männer 29 Stunden. Darin nicht eingerechnet ist die Haus- und Familienarbeit, die an Dritte ausgelagert wird. Diese wird ebenfalls zum grössten Teil von Frauen geleistet. Angestellte in häuslicher oder institutioneller Pflege, in Kindertagesstätten, Tagesstrukturen oder Rei-nigungsfirmen sind vorwiegend weiblich. Diese Arbeiten sind in der Regel tief entlöhnt und haben wenig Sozialprestige. Die inner- familiäre Haus- und Familienarbeit, die gesellschaftlich erwünscht ist, führt zu gravierenden Benachteiligungen bei den Renten – meistens für Frauen.
Führungsverantwortung hingegen liegt in Männerhand. Nur 9 der 100 grössten Schweizer Unternehmen wurden im letzten Jahr von Frauen geleitet. Der Frauenanteil bei den Verwaltungsräten dieser Firmen lag bei 21 Prozent, bei den Verwaltungsratspräsidien bei 3 Prozent. Teilzeitarbeit in Führungspositionen ist kaum anerkannt. Der sogenannte unerklärte Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern liegt gemäss dem Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann in der Schweiz bei gut 7 Prozent. Für Liechtenstein wird die Situation vergleichbar eingeschätzt.
Die Frauenvertretung im Landtag liegt bei 12 Prozent, in den Kommissionen der Regierung gemäss Staatskalender bei einem Viertel. In den Gemeinderäten stieg der Frauenanteil auf historische rund 40 Prozent. Die intensive Sensibilisierung durch die Zivilgesellschaft, die Anstrengungen der Parteien für eine ausgewogene Rekrutierung und das Vertrauen der Wahlbevölkerung in die Kandidatinnen zeigten, dass Chancengleichheit von Frauen und Männern in der Gemeindepolitik möglich ist. Das gilt auch für die Landespolitik und alle anderen Bereiche der Gesellschaft.
1991 streikten die liechtensteinischen Frauen für die Gleichberechtigung. Morgen, 20 Jahre nach Einführung des Gleichstellungsgesetzes, erneuern sie ihr Manifest von damals: Eine umfassende Gleichstellungsstrategie für Liechtenstein, die Anerkennung von Haus- und Familienarbeit, das Aufbrechen von überholten Rollenbildern, die Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen, eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Lohngleichheit und die Beendigung von Mehrfachdiskriminierung sind ihre Forderungen.
Der Frauenstreik weist uns darauf hin: Chancengleichheit von Frau und Mann muss zur gesellschaftlichen Realität werden – wir alle sind dafür verantwortlich.

Verein für Menschenrechte
in Liechtenstein (VMR)

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