Leserbrief

Platz der Vergebung und Verzeihung für Liechtenstein

Reto Walter Brunhart,ul. Vegova 2, 1000 Ljubljana,Slowenien | 1. Juni 2019

In Ljubljana hat die slowenische Regierung im Zentrum der Stadt (Kongresni trg) einen Platz gebaut, welcher der Vergebung und der Verzeihung dient. An diesem Platz legen die staatsbesuchenden Präsidenten aus anderen Ländern einen Kranz nieder, der die ungerecht Behandelten ehrt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Hunderte von Slowenen getötet, die im Verdacht standen, mit der Nazi-Armee zusammengearbeitet zu haben, oder katholisch gesinnt waren, oder, oder ... Deutschstämmige wurden enteignet und ausgewiesen, ebenso wie aus Osteuropa. Diese Aktivitäten dienten dem Prinzip des Aufbaues eines kommunistischen Staates. Die jugoslawische Partisan-Armee unter Marschall Josip Broz Tito war damit beauftragt worden. Auch die Gottscheer Bauern aus Franken, eingewandert im 13. Jahrhundert, mussten gehen. Ich kenne noch Geschichten der Gottscheer Bauern, die im Winterhalbjahr auf Verkaufswanderschaft bis nach Liechtenstein gekommen waren.
Slowenien, ein kleines und freundliches Land, muss mit dieser Geschichte leben. Die Slowenen mussten sich im und nach dem Krieg der damaligen politischen Situation beugen, haben aber nie vergessen, sich eines Tages selbst befreien zu wollen.
Die wirklichen Täter waren die Nazi-Armee und die italienische Faschist-Armee, die sich Slowenien aufgeteilt hatten. Sie haben unaussprechliche Gräueltaten verbrochen in Slowenien und im Balkan, die verständlicherweise Hass auf alles Deutsche hervorrief. Aus dieser Perspektive muss man die Geschichte verstehen.
Die Gottscheer Bauern waren bereits, basierend auf einer Absprache zwischen Hitler und Mussolini, von ihrer Scholle vertrieben und in Maribor zwangsangesiedelt worden. Viele wurden zwangsweise in die Nazi-Armee eingegliedert. So ist es falsch, nur deren Ausweisung aus dem neuen Staat zu kritisieren. Man muss die ganze Geschichte verstehen.
Dieser geschichtliche Prozess hat viele Wunden hinterlassen und noch vieles ist unausgesprochen. Deshalb war es weise von der slowenischen Regierung, einen neutralen Platz der Vergebung und Verzeihung zu schaffen. Viele Ältere sieht man auf diesem Platz, um sich zu erinnern und damit umzugehen in heutig ausgleichender Weise.
So darf man sagen, der Platz der Vergebung und Verzeihung in Ljubljana dient der Überwindung der historischen Zwänge. Meines Erachtens produziert jeder Staat und jedes Gericht, aber auch Ämter – aus persönlicher Perspektive der Betroffenen – manchmal ungerechte Entscheide. So ein Platz des Ausgleiches, der Vergebung und Verzeihung sollte daher in jedem Staat vorhanden sein. Liechtenstein, ein kleiner und freundlicher Staat, könnte auch so einen Platz des Ausgleiches schaffen und er würde hier wie dort von der Bevölkerung angenommen und in Ehren gehalten.


Reto Walter Brunhart,
ul. Vegova 2, 1000 Ljubljana,
Slowenien

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