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Leserbrief

Gottes Zorn

Jo Schädler Eschnerstrasse 64, Bendern | 6. Mai 2019

Der Tunnel Gnalp Steg steht wie kein anderes Objekt für die sagenhaft politische Durchsetzungskraft in unserem geliebten Liechtenstein. Einst gab es die Idee einer neuen, längeren Röhre, was einhellig beweist, dass nicht nur geredet, sondern auch gedacht, studiert und den allfälligen Handlungen auch ernsthafte Überlegungen zugrunde gelegt würden. Und im Laufe der Tunnelgeschichte, die seit 1947 die Gemüter zum Weinen bringt, folgten diesem intensiven Nachdenken auch immer wieder Taten, oder zumindest Tatabsichten. So wurde einst das Loch mit Plastik ausgeschachtet, aber bei dieser Gelegenheit nicht vergrössert, sondern verkleinert. Dann wurde ein Werkstollen gebaut, bewusst dabei die Erweiterung zum Rettungsstollen vermieden. Trotzigen Unsinn zu gebären, um damit die Logik ad absurdum zu führen, manifestiert sich in keiner anderen politischen Regung besser wie sich an unschuldigen Objekten zu vergreifen. In unseren Falle einem Loch im Berg, das keinen Anwalt hat. Und nach der neuesten Sanierung dieses Berglochs blicken wir auf ein Machwerk, welches den Faktor Mensch in seinem ganzen Wesen zu erfassen und zu versinnbildlichen vermag. Jene, welche der Bürde von der Geburt bis zum Tode ihren eigentlichen Sinn zu geben imstande sind, indem sie in der verlotterten Ziegelhütte an diesem unsäglichen runden Tisch Aufgabe um Aufgabe auf sich wälzen, tun sich nicht leicht mit dem Klump von einem Tunnel oben auf Gnalp. Da dieses Bergloch einmalig ist, garantiert es unerschöpflich politische Sinnstiftung. Genauso wie ein runder Tisch für ein Parlament auf der Welt ein einmaliges, einzigartiges, sämtlichen parlamentarischen und demokratischen Prinzipien entgegenwirkendes Kuriosum ist, an welchem sich, wie uns jede geschworene Legislatur schmerzvoll vor Augen führt, dass dort drinnen alles in jenem Kreise dreht, das dem niemals Erlösung bringenden Rotieren Tibetischer Gebetsmühlen gleichkommt.
Ohnehin sollten wir uns von diesem Tunnel gedanklich zumindest so lange verabschieden, bis dort oben der Asphalt brennt und uns dem nächsten zuwenden, was uns alle nun bald hundert Jahren unablässig berührt und vor Augen führt wie klein und nichtig wird vor den Naturgewalten und vor Gottes Zorn doch sind. Ob jener Zorn der Auslöser war, dass die zu niedrige Eisenbahnbrücke beim Dammbruch 1927 das ganze Unterland ins Elend riss, wissen wir nicht, wollen aber nicht hoffen, dass der zu niedrige Tunnel Gottes Zorn erneut erweckt und die ganze Talschaft ins Verderben stürzt.

Jo Schädler
Eschnerstrasse 64, Bendern

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