Leserbrief

Verschwiegenes Aufhorchenlassen

Víctor Arévalo Menchaca, Univ. Prof. Dr. iur., Auring 56, Vaduz | 21. März 2019

Dass die erste Frau seit Menschengedenken für das Bürgermeisteramt in Vaduz kandidiert, sollte die Öffentlichkeit aufhorchen lassen. Dass Giovanna Gould keiner politischen Partei angehört und sich aus eigener Entscheidung alleinstehend zur Wahl stellt, trägt zu dieser Erwartung bei. Ebenso bekräftigt solche, dass die Kandidatin weder hierzulande, noch als Liechtensteinerin im Ausland geboren wurde, sondern sie sich, schon erwachsen, in Vaduz einbürgern liess. Aber die Erwartung, beinah an sich selbstverständlich, bleibt bis jetzt, bereits wenige Tage vor der Wahl, unerfüllt. Die lokalen Medien verschweigen das Ereignis tunlichst. Die Einzelheiten, über die ich hier bezüglich der Kandidatin und ihres Wahlvorhabens berichte, erfährt das Publikum etwa durch einen Flyer, der in den Briefkasten liegt. Zur Kandidatur, so steht da, bewegte die Anwärterin das Weihnachtsinterview S.D., des Landesfürsten, als dieser sich positiv zur Teilnahme der Frauen als Kandidatinnen an der Politik jenseits der Parteien äusserte. Geradezu auf das Werk des Fürsten, «Der Staat im dritten Jahrtausend,» stütze die Amtsanwärterin ihr Wahlprogramm, das dem Volk das erste sowie das letzte Wort jederzeit bei allen Entscheidungen zuerkenne und die vorspringende Rolle der Gemeinden nach Art. 48 (Abs. 2 und 3) der Landesverfassung, sei es direkt, sei es durch Unterschriftenaktionen beim Volk, hervorhebe. Die Kandidatur wird zum Rätsel, das die Parteipresse überfordert. Die Blätter können das Phänomen nicht einmal wahrnehmen, geschweige denn sich kritisch mit ihm auseinandersetzen, und verdrängen es deshalb ins kollektive Unbewusste. Dieses verschwiegene Aufhorchenlassen fördert allerdings die Kandidatur Giovanna Goulds umso mehr, als der Hahnenschrei der Parteipresse es hätte tun können, für all diejenigen Landesbürgerinnen und Bürger, die am 16. März 2003 mit Ja für die neue Landesverfassung stimmten und eine konstitutionelle Monarchie des 19. Jahrhunderts in eine direkte Demokratie für das dritte Millennium verwandelten. Die Oligarchen knirschen mit den Zähnen!

Víctor Arévalo Menchaca, Univ. Prof. Dr. iur., Auring 56, Vaduz

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