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Leserbrief

Die Würde des Opfers

Lukas Ospelt,Am Kehlerpark 6/7, Dornbirn | 27. Februar 2019

Das Tier hat eine gesetzlich definierte «Würde» in Liechtenstein (Art. 3 Abs. 1 Bst. a Tierschutzgesetz). Der von der Presse kolportierte Fall von mutmasslicher Sodomie in Triesenberg hat aufgezeigt, dass es im Fürstentum gerichtlich strafbar und mit empfindlicher Freiheitsstrafe verbunden ist, ein Tier durch «sexuell motivierte Handlungen» in seiner «Würde» zu verletzen (Art. 4 Abs. 3 Tierschutzgesetz, Art. 16 Abs. 2 Bst. k Tierschutzverordnung).
Doch wem gesteht die liechtensteinische Rechtsordnung sonst noch eine «Würde» zu – und wen hat sie vergessen?
Der Mensch hat eine «Würde» in Liechtenstein; sie ist zu achten und zu schützen (Art. 27 bis Abs. 1 Landesverfassung). Auch die Frau hat eine «Menschenwürde», wenngleich noch nicht lange (Präambel zur UN-Frauenrechtskonvention). Und das Kind, wenn es um die Disziplin in der Schule geht (Art. 28 Abs. 2 UN-Kinderrechtskonvention).
Der in einer Anstalt untergebrachte «geistig abnorme Rechtsbrecher» hat eine «Menschenwürde» (Art. 142 Abs. 1 Bst. a Strafvollzugsgesetz); ebenso der Strafgefangene; er ist mit «Sie» sowie mit «Herr» oder «Frau» anzusprechen (Art. 21 Abs. 1 Strafvollzugsgesetz). Wer zur Strafverfolgung oder -vollstreckung an einen anderen Staat ausgeliefert werden soll, hat sie ebenfalls – die «Menschenwürde» (Art. 34 Abs. 1 Rechtshilfegesetz).
Keine ausdrücklich verankerte «Würde» hat indes das – menschliche – Opfer einer sexuell oder anderweitig motivierten Straftat, denn die Strafprozessordnung, das Opferhilfegesetz und die sonstigen Rechtsvorschriften hüllen sich dazu in Schweigen. Somit ist das Opfer in diesem Punkt hierzulande schlechter gestellt als der explizit mit «Menschenwürde» ausgestattete Rechtsbrecher und das explizit mit «Würde» versehene Tier.
Es soll hier nicht darum gehen, Opfer und Täter gegeneinander auszuspielen. Aber diese Schieflage in der liechtensteinischen Rechtsordnung sollte beseitigt und die Strafprozessordnung nach österreichischem Vorbild wie folgt ergänzt werden: «Alle im Strafverfahren tätigen Behörden, Einrichtungen und Personen haben Opfer während des Verfahrens mit Achtung ihrer persönlichen Würde zu behandeln ...» (§ 10 Abs. 3 öst. StPO) – als Zeichen der staatlichen Wertschätzung für alle Opfer von Straftaten, ohne finanzielle Folgen für das Land und jenseits der aktuellen Diskussion über die Höhe der Strafsätze für Sexualdelikte. Die anstehende Sitzung des Landtags zur Strafrechtsreform würde Gelegenheit dazu bieten.

Lukas Ospelt,
Am Kehlerpark 6/7, Dornbirn

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