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Leserbrief

Neue Hymne

Jo Schädler,Eschnerstrasse 64, Bendern | 4. Februar 2019

Hansrudi Sele von oben am jungen Rhein gibt für eine neue Hymne, nach welcher übrigens kein Schwein schreit, schon einmal die Denkvorgaben bekannt. Bei einem imaginären Gespräch von ihm selbstlos erfunden, sinniert er; mit einem Freund, der ihm zu «erzkonservativ» sein würde, weil jener alles beim Alten liesse, in heftigen Streit geraten zu können. Und schon stellt sich die Generalfrage: Wozu um alles in der Welt brauchen wir eine neue Hymne? Obwohl die jetzige schon so alt und genügend Zeit zum Lernen vergangen ist, kann kaum ein Liechtensteiner den Text auswendig. Das dürfte bei einer neuen nicht anders werden, es sei denn, sie geht mit der Zeit und in jeder Strophe ist «Yeah Baby und all together now» zigmal eingeflochten. Den wenigsten Liechtensteinern ist bewusst, dass die Melodie unserer schönen Hymne aus «Heil dir im Siegerkranz», also der deutschen Kaiserhymne aus dem Jahre 1871, stammt. Auch Grossbritannien bedient sich dieser Melodie.
Man wolle daran denken, dass eine Hymne in der Bedeutung «Lob Gottes mit Gesang» bedeutet. Hymnen sind Ausdruck hoher Begeisterung und Verehrung und keine Freude am Gejohle, im Gegensatz zu dem auch bekannten Lied «Rote Lippen soll man küssen, denn zum Küssen sind sie da», was früher auch zu begeistern vermochte. Man wolle zudem daran denken; sollte Herr Sele eine neue Hymne nur deshalb erschaffen wollen, damit Grossbritannien nicht immer mit Liechtenstein verwechselt wird, wir schon einmal einen unwürdigen und unterwürfigen Kniefall veranstaltet haben. Nämlich als wir wegen des Kantons Tessin die Landesfarben auf den Nummernschildern gegen die Fürstenfarben tauschten. Wohlbemerkt, wegen eines kleinen Randkantons und nicht wegen eines ganzen Staats. Aber so sind wir halt. Willfährig und zum Kniefall bereit, bis hinunter zur Autonummerntafel, also nahe dem Strassendreck.
Im tiefen Grunde aber lässt Herr Sele schon einmal durchblicken, wie die neue zu sein hätte; nämlich auf gar keinen Fall konservativ und schon gar nicht erzkonservativ. Konservare bedeutet bewahren, erhalten, beschützen. Was hat also Herr Sele dagegen, dass eine neue Hymne zum Bewahren und Erhalten aufrufen könnte? Ist denn in seinen sehenden Augen unser kleines Land schon dermassen verlottert, verludert, verhunzt und verkorrumpiert, dass sich dessen Erhalt und ein Bewahren im konservativen Sinne schon gar nicht mehr lohnt? Und wie steht es mit dem demokratischen Element in Seles Wunsch nach dem neuem Lob, oder wenn es nach ihm geht eher Abgesang?

Jo Schädler,
Eschnerstrasse 64, Bendern

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