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Leserbrief

«Die unmögliche Tatsache»

Franz-Xaver Goop, Schellenbergerstrasse 20, Mauren | 1. Dezember 2018

So heisst ein bekanntes Galgenlied von Christian Morgenstern über eine fiktive Figur, die nicht wahrhaben will oder kann, was Tatsache ist. Menschen verkennen, verdrängen oder verneinen häufig, was sich nicht leugnen lässt.
Die Flüchtlingskarawanen vom Herbst 2015, die berstenden Flüchtlingsboote im Mittelmeer und jetzt die Tausenden von Immigranten am Grenzzaun im mexikanischen Tijuana haben sich tief in unsere Köpfe eingegraben und machen Angst. Und diese Angst ist begründet. Sie richtet sich aber gegen die Falschen. Nicht vor den Flüchtlingen müssen wir Angst haben, auch wenn sie von gewissen Kreisen gezielt und mit Absicht als Sündenböcke gebrandmarkt werden, sondern vor der Not und dem Elend, die sie vor unsere Haustüren getrieben haben. Ob Kriegsflüchtlinge oder Armutsimmigranten, sie sind mitten unter uns und führen uns vor Augen, wie hilflos die Staatenwelt den riesigen Problemen einer globalisierten und zunehmend digitalisierten Welt gegenübersteht, aber auch wie zerbrechlich unser vermeintlich sicheres Dasein angesichts des ungeheuren ökonomischen Ungleichgewichts in der Welt geworden ist. Und die Probleme rücken nicht nur näher, sie werden auch nicht kleiner: Bevölkerungswachstum, Klimawandel, Umweltschäden, Ressourcenmangel, Korruption und ein zunehmender Rechtspopulismus verheissen nichts Gutes. Sie lassen sich aber weder durch eine Mauer, noch durch Zäune und mittelfristig auch nicht durch einen militärischen Schutzschild lösen. Wer das behauptet, verkennt, verdrängt oder verneint, was sich nicht leugnen lässt.
Der Migrationspakt weist viele Mängel auf, aber er liefert einen brauchbaren Rahmen für künftige Debatten, unterscheidet die verschiedenen Formen von Migration, benennt die wichtigsten Problemfelder und setzt vor allem ein Zeichen, dass wir ein globales Problem nur mit einem globalen Instrumentarium lösen können. Es gibt keine sicheren Inseln mehr, so schmerzhaft diese Einsicht auch sein mag.
Liechtenstein ist als kleines Land besonders exponiert und daher ganz besonders auf internationale Zusammenarbeit angewiesen. Wie paradox, dass viele ihre Zustimmung verweigern! Und wie Recht doch Morgenstern mit seiner Schlussfolgerung hat: «Weil, so schliesst er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf.»

Franz-Xaver Goop, Schellenbergerstrasse 20, Mauren

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