Leserbrief

Das Schweigen der Charivari

Jo Schädler,Eschnerstrasse 64, Bendern | 29. Oktober 2018

Gelehrige Zeitungsgenossen ahnen, dass der Mut zur bayerischen Wiesn­gaudi Liechtensteiner Prävalenz bereits dem Verleider gewichen ist. Ist es denn für den Lederhosenträger nicht mehr sinnstiftend, seinen Schniedelwutz durch einen Lederhosenlatz, gross wie ein Ofentürle zum bierschaumigen Aderlass herauszuziehen? Lederhosen sind teuer und aus Sicht der Kuh, die dafür Leben und Haut lassen musste, vorbehaltlos eine gravierende Tragödie. Vor allem dann, wenn sie vom Kuhhimmel herunter mitansehen muss, dass ihre Haut dem zarten Fudeli des Trägers schon nach einer einzigen Gaudi den Hintern aufgefiggt und ihm Schrunden hinterlassend ausgemustert wird. Er sollte sich tiefgreifend dafür schämen, sich nur wegen einer einzigen Bayerngaudi am Leben einer ganzen Kuh vergriffen zu haben. Hat man ihm beim Kauf der Hose denn nicht mitgeteilt, dass die Krachlederne erst mit dem täglichen Tragen und zwar durch alle zwölf Monde zur berühmten zweiten Haut wird? Dann, wenn sich der Odeur des Allerwertesten und der Schwitz all der anderen Organe, welchen die Hose Zuflucht gewährt, sich mit der Kuhhaut vernetzt, innen schmierig und aussen speckig das echt bayerische Lebensgefühl gebiert? Immerhin tanzten noch im letzten Herbst sogar unsere politischen Führer in eben dieser Kuhhaut und den passenden Haferlschuhen zum Geklapper der Charivaris an den Bäuchen der Dirndlträgerinnen auf den Tischen in unseren original liechtensteinischen Oktobersaalwiesen herum.
Einmal wollte ich einem Neuliechtensteiner, der unserer und auch der deutschen Sprache nicht so ganz mächtig ist und es wohl auch nie sein wird, erklären, dass sich die Tannen über die in ihren Zapfen befindlichen Samen fortpflanzen. Aber «Tannzapfen» klingt bei ihm wohl sein ganzes neues Leben lang wie «Tanzaffen», womit er zum Weissager schlechthin mutiert. Eher und besser lernen wir bayerisch wie jener deutsch. Doch wozu sollte er überhaupt deutsch lernen, wo doch alles, was mit uns und mit unserer Kultur zu tun haben könnte, jedem modern geglaubten Scheiss weichen muss? Unser Daseinsglück ist längst zu einem Oasenglück geworden, in welchem kontradiktorisch der Sensus Gewissheit wird, in dem man erkennen sollte, dass man nicht gleichzeitig sich selbst und zugleich ein anderer sein kann. Also entweder Tannzapfen oder Tanzaffen; oder Lederhose oder so ein Weicharsch, dessen Streben nach der neuen Landeshymne, tragisch peinlich hierin verdorrt: «Die Wahrheit ist bitter, doch ihre Früchte sind süss.»


Jo Schädler,
Eschnerstrasse 64, Bendern

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