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Leserbrief

Schöne, neue, digitale Welt

Paul Vogt,Palduinstrasse 74, Balzers | 27. Oktober 2018

Nun hat also auch Liechtenstein seinen ersten Digitaltag hinter sich. Glaubt man den Zeitungen, war er wahnsinnig wichtig und eröffnet neue Perspektiven. Wenn ich aber die konkreten Projekte anschaue, waren die meisten gar nicht so neu: Geodatensysteme benutze ich täglich, personifizierte Briefmarken kenne ich auch schon und dass sich ein Museum digital präsentiert, ist selbstverständlich. Auch dass Autos elektronisch überprüft werden, ist nicht neu. Präsentiert wurden vorwiegend technische Verbesserungen; auf problematische Aspekte der Digitalisierung wurde kaum hingewiesen. Bedenklich ist zum Beispiel der unkontrollierte Zugang von Kindern zu Kriegs- und Gewaltspielen. Fazit: Wir leben bereits in einer digitalen Umwelt. Viele Jobs werden in den nächsten Jahren verloren gehen, die Menschen müssen sich dieser Entwicklung anpassen. Wenn sie das nicht können, werden sie zu Verlierern.
In den letzten Tagen hat ein Porträt von Edmond de Bellamy Schlagzeilen gemacht. In einer Datenbank wurden 15 000 Porträts aus der Zeit vom 14. bis 20. Jahrhundert erfasst. Ein Computer schuf dank künstlicher Intelligenz das Porträt eines erfundenen Mannes (Edmond de Bellamy). Das Bild wurde so lange verändert, bis ein anderes Computerprogramm bestätigte, dass das Bild den Merkmalen eines Kunstwerks entspricht. Danach wurde das Bild (Schätzwert 10 000 Dollar) an einer Auktion versteigert, es erzielte einen Preis von 432 000 Dollar. Darüber, ob das nun Kunst ist oder nicht, wird gestritten. Der Computer erklärte es jedenfalls aufgrund der vorgegebenen Kriterien zum Kunstwerk.
Die Digitalisierung eröffnet vor allem für Militär, Wirtschaft und Technik lukrative neue Möglichkeiten. Auch das Verhältnis der Bürger und Bürgerinnen zum Staat wird sich massiv ändern. Aldous Huxley hat vor fast 100 Jahren in seinem utopischen Roman «Schöne neue Welt» Manipulationsmöglichkeiten thematisiert, die im Totalitarismus enden. Die Demokratie ist keine perfekte Staatsform (die gibt es leider nicht). Technische Manipulationen liefern eine scheinbar perfekte Lösung: Ein Computer erstellt das Anforderungsprofil für Politikerinnen und Politiker und produziert diese auch. Wahlen werden nicht nur unnötig – sie sind systemwidrig. Solche Horrorgedanken sind nicht neu und im Zusammenhang mit dem Digitaltag vielleicht übertrieben. Zu hoffen ist trotzdem, dass am 2. Digitaltag auch die kritische Frage «Beherrschen wir den digitalen Alltag oder wird er uns beherrschen?» Platz haben wird.

Paul Vogt,
Palduinstrasse 74, Balzers

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