Leserbrief

Wer mitbestimmen darf, ist an den Belangen des Staates interessiert (1. Teil)

Helen Marxer,Floraweg 19, Vaduz | 3. Oktober 2018

Es ist ein echtes Problem, dass ungefähr ein Drittel der liechtensteinischen Bevölkerung von politischen Entscheidungen ausgeschlossen ist, hier Steuern zahlt, aber nicht mitbestimmen darf, wie Steuergelder eingesetzt werden. Ich spreche von jenen Menschen, die Liechtenstein als ihre Heimat auserkoren haben, schon lange hier leben und sich wohlfühlen.
Was für ein Zeichen senden wir aus, wenn wir von den Alteingesessenen, die sich nach dem geltenden Gesetz erst nach 30 Jahren Wohnsitz erleichtert einbürgern lassen können, noch einen zusätzlichen Beweis ihrer Liebe zu Liechtenstein verlangen, indem wir fordern, dass sie auf ihre angestammte Staatsbürgerschaft verzichten? Wir stossen sie vor den Kopf und sie fühlen sich abgelehnt und gedemütigt. Zum Zeitpunkt der möglichen erleichterten Einbürgerung sind viele über 50 Jahre alt. Oft sind sie in Vereinen und im Dorfleben aktiv, haben sich jahrelang in unserem Land eingesetzt und Wertvolles geleistet. Ihre ausländischen Ehepartner oder Ehepartnerinnen sind bestens integriert und nicht selten haben sie liechtensteinische Kinder und Grosskinder. Sie wollen, wie die «Eingeborenen», das Beste für das Land und würden gerne ein vollwertiger Teil der neuen Heimat sein.
Ein Verbot der Doppelstaatsbürgerschaft erschwert ihre Integration. Der verlangte Verzicht dient einzig und allein dazu, Leute davon abzuhalten, sich einbürgern zu lassen. Warum eigentlich? Ist es der Neid auf Personen, die dann zwei Staatsbürgerschaften besitzen? Missgönnen jene Liechtensteiner/-innen, die nur eine Staatsbürgerschaft besitzen, den Einbürgerungswilligen ihre ehemalige Staatsbürgerschaft?
Da in Liechtenstein ungefähr gleich viele binationale wie nationale Eheschliessungen stattfinden, gibt es bereits heute zahlreiche Liechtensteinerinnen und Liechtensteiner, die über eine zweite Staatsbürgerschaft verfügen oder ein Anrecht darauf haben. Das sind z. B. fast alle Kinder ausländischer Mütter oder Väter sowie Männer und Frauen mit einem ausländischen Ehepartner. Es ist dies die Folge der Gleichstellung der Frauen im Bürgerrecht, die seither ihre Staatsbürgerschaft ihren Kindern und ihrem Ehemann weitergeben können.
Eine zweite Staatsbürgerschaft zu besitzen, tut niemandem weh, sie ist auch kein grosser Vorteil. Sie wird aber nicht gerne abgegeben, weil eine emotionale Bindung an das Herkunftsland besteht. Das ginge jedem Liechtensteiner und jeder Liechtensteinerin ebenso. Auch mit zwei Staatsbürgerschaften kann man ein guter Bürger, eine gute Bürgerin sein.

Helen Marxer,
Floraweg 19, Vaduz

Teile diesen Leserbrief mit deinen Freunden

Leserbrief schreiben

Wie denken Sie darüber?
Titel
Text 0 / 2500 Zeichen
Weiter