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Leserbrief

Karettakratie

Jo Schädler, Eschnerstr. 64, Bendern | 23. August 2018

«Kratie» – Herrschaftsform, die vom jeweiligen Basiswort die Bedeutung erlangt. Aber ganz egal, woraus das Wort dann letztendlich auch besteht, es bedeutet immer «Herrschaft». Das darf man niemals aus dem Auge lassen. Bei der Adels-, Geld-, also der Plutokratie ganz augenscheinlich. Bei der Bürokratie, der Demokratie ganz unverhohlen und bei der Christdemokratie die Urmutter der Sünde. Sehr gemein verschleiert bei der Staatsbürokratie, denn hier wird die Herrschaft zum Mittel und Selbstzweck schlechthin. Das Wort Büro, früher auch Schreibstube, stammt aus dem Französischen bureau, welches sich aus dem Altfranzösischen burel ableitet. Burel bedeutet auf Deutsch allerdings «grober Wollstoff». Der Begriffsursprung findet sich im Lateinischen und dort bedeutet das Wort burra «zottiges Gewand». Jener, der nun glaubt, die Bürokraten im Lande als «grobe Zottli» umdefinieren zu müssen, kann das sicherlich tun und er wird auch besten, gar grölenden Beifall ernten. Sprach- und staatskonform liegt er damit möglicherweise daneben – obwohl? Behörden und vor allem Juristen haben einen ausgeprägten Instinkt für einen soliden Selbstschutz und ahnen und fahnden hinter jedem geschriebenen Wort die Gefahr der Verbösartigung. So entgegneten sie schon früh dem im lateinischen Ursprung des Büros lauernden Unglück und nannten alsbald ihre Schreibstuben Kanzleien. Haben sich also frech und undemokratisch einfach vom Herrscher zum Kanzler gemacht.
Zum Unwort des Jahres wird sich wohl das Wort «Bürokratieabbau» mausern. Denn in diesem Wort finden sich Irrwitz, Niedertracht, Tragik, Lug und Trug in einem. Nachdem «Kratie» Herrschaft bedeutet, kann dort gar kein Abbau stattfinden, denn kein Herrscher und kein Kanzler schaffen sich selber ab. Nicht einmal dann, wenn er nur noch in zottigem Gewande dort oben sässe, was ja gar nicht eintreten kann. Denn für guten Zwirn um Wanst und Podex sorgt Vater Staat mit einem soliden, sich weit über die zwölf Jahresmonde und somit über der theoretisch möglichen Leistung erstreckendem Sold.
Ohnehin ein Unsinn der gröberen Sorte, von Bürokratieabbau zu sprechen, ohne konkrete Handlungspläne dafür vorzulegen. Zuoberst muss geklärt sein, ob nur die «Kraten», also die Machtinhaber, oder nur deren Salärmonde abgebaut werden sollen. Ausbünde bester Verwurzelung des «burel» zeigen sich beim Landwirtschaftsamt, wo immer mehr Schreibstubenhocker bald auch ohne Kühe ausharren. Oder beim Bauamt, wo pro Karetta Malta jeweils eine Stelle zu vergeben ist.

Jo Schädler, Eschnerstr. 64, Bendern

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