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Leserbrief

Tatort Balzers und Umgebung

Jo Schädler,Eschnerstrasse 64, Bendern | 5. Juli 2018

Eine Frau aus Balzers schrieb neulich, wie willensstark aufsässig die Polizei ihren frisch geborenen Grossvater zur Busse zwang, weil er sich an einer roten Ampel verhedderte. Den Vorfall mitzuteilen, blieb der Frau einzig die Ironie, wohl weil sie die Auswüchse der Exekutive doch nicht einordnen konnte. Immerhin herrschen in Balzers, der südlichsten Gemeinde, tatsächlich südliche Verhältnisse. Da wird gerast, auf Verkehrsregeln gepfiffen, kein Monat, kein Tag, keine Stunde ohne Verkehrstote, allesamt Verkehrsrüpel, vom Greis bis zur Oma im rechtsfreien Raum. Invariabel verbirgt sich hinter den 200 Franken, die der neue «Neni» zu zahlen hatte, die Verirrung unseres Staates in seinem ganzen Ausmass, seiner Komik und seiner einzigartigen Tragik zugleich.
Es wird sein, dass dereinst, wenn der Staat endlich durchgeformt ist, seine Senftubenpolitik die volle Ohnmacht erreicht und das System endlich jeden Bürger bis hin zu jedem Einzelnen seiner Haarfollikel registriert und katalogisiert hat, dann: Dann wird die Polizei bei ihm, seiner Ehefrau und auch beim Säugling, der ja der Grund für das Vergehen war, Blutproben abnehmen, die Führerscheine auf der Stelle und auf Lebzeiten entziehen – selbstverständlich auch beim Säugling, seiner Mutter und konsequenterweise auch bei der Hebamme, die diesen angehenden Raser ja zu uns brachte.
Das klingt wohl unglaublich, aber schaut man so durch das Land, das sich ein selbstständiger Staat zu nennen wagt, wird bald klar, dass diese latent über uns schwelende, ohne Weitsicht und Vernunft agierende Allgewalt die Norm geworden ist. Das System greift überall und sein Drang, woraus dieser auch entstanden sein mag, ist unstillbar gierig darauf, nach Recht und Ordnung zu suchen, diese zu finden, zu bestrafen und so seinen eigenen Abstieg zu nähren. Kein Scheiterhaufen, kein Hasenstall, keine Schaufel Dreck, kein alter Stall zu unbedeutend, um nicht das System zu mästen und seine Kalfakter zu befrieden.
Dem Bürger bleibt über die Obrigkeit, bei welcher er Regulierwut, Ohnmacht, gar Unfähigkeit vermutet, zu schimpfen. Braucht er aber nicht, denn diese sind selbst Opfer und wissen selbst nicht, dass sie als Staatsmänner einem übergeordneten Ganzen, in dem Tugend und Werte das Erstrebenswerte sein sollten, zu dienen hätten. In Mangel dieser Einsicht und dem Mut, den es dafür bräuchte, dümpeln und klüngeln sie für ein System, das lediglich Freiheit und Emanzipation für die Individuen, gerne das eigene fördert und schützt.


Jo Schädler,
Eschnerstrasse 64, Bendern

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