Leserbrief

Chhatrapati Shivaji Maharaj

Jo Schädler,Eschnerstrasse 64, Bendern | 30. Juni 2018

Die neue, von den Unterländer Vorstehern vorgestellte Vision für das Jahr 2050, oder aber eventuell all die vielen Jahre bis dorthin, lässt aufhorchen. Dort steht in der ersten Strophe von dem «Sollte»-Gedicht, dass man die Verkehrsstrassen neben den Siedlungsgebieten machen sollte. Man sollte Fahrradwege machen und man sollte eine S-Bahn bauen. Also Dinge, welche in den Pflichtenheften schon seit Jahrzehnten geschrieben stehen und weil bislang noch nicht einmal andeutungsweise umgesetzt, demnach die Basis, also jenes Fundament bilden, ohne das eine Vision ohnehin nicht machbar wäre. Die Vision trägt sich also nicht nur selbst, sondern sie ruht auch in sich selbst und sie gebiert sich auch immer wieder selbst. Somit mutiert sie, falls es ihr nicht gelingt, aus diesem Kreis aus- und aufzubrechen, zum wirklich funktionierenden Perpetuum mobile, welches auch ohne Energiezufuhr immer läuft.
In der nächsten Strophe dieser «Vision», die einem Luftschloss locker den Rang abläuft, steht, man sollte die Industrien an den Rhein verlegen und sollte den Rhein als Naherholungsgebiet ausbauen. Und zwar deshalb, weil die Industrialisierung immer so weitergehen sollte. Wir sollten bedenken, dass Vision im Lateinischen für Visio, also «Anblick, Erscheinung», steht. Somit ist in einem Lande, welches für 167 Meter Strasse asphaltieren 6 Wochen und für eine Busspur von 349 Metern 2,5 Jahre braucht, die Flucht in Erscheinungen legitim, gar zwingend.
Nun, «Erscheinungen» haben und hatten es allesamt schwer, sich durchzusetzen, und bis auf religiös fanatische Menschen, welche selbst fusslahm und an Krücken in Lourdes oder Fatima beim Gebet und im festen Glauben auf Heilung, oder wenigstens einem Eintrag im Gästebuch vom Petrus im Himmel oben hoffen, gehen Erscheinungen dem Rest der Menschheit ziemlich weit an den Gesässtaschen vorbei.
Im Chhatrapati Shvaji Maharaj Terminus, auch Mumbai CST, bis 1996 Victoria Terminus, ein im Süden der Stadt Mumbai – früher Bombay – gelegener Bahnhof, passieren täglich mehr als 1000 Züge und etwa 3 Millionen Fahrgäste. Schraubten wir unsere Visionen, Ansprüche und eben diese Erscheinungen auf einen vergleichbaren Nenner, also um etwa den Faktor 100 herunter, bedeutet das, dass im Vergleich mit dem Chhatarapati wir mit lediglich 10 Zügen unsere 30 000 Arbeiter zu ihren Arbeitsplätzen schaffen könnten. Buddha meinte dazu: «Die Samen der Vergangenheit sind die Früchte der Zukunft» – Es sei denn, ein Vogel gräbt sie wieder aus und frisst sie.

Jo Schädler,
Eschnerstrasse 64, Bendern

Teile diesen Leserbrief mit deinen Freunden

Leserbrief schreiben

Wie denken Sie darüber?
Titel
Text 0 / 2500 Zeichen
Weiter