Leserbrief

Henning von Vogelsang und die Geschichts- schreibung

Paul Vogt,Palduinstrasse 74, Balzers | 7. Juni 2018

Der pensionierte stellvertretende Chefredaktor des «Liechtensteiner Vaterlands» hat offenbar ein Monopol, im «Vaterland» historische Berichte zu schreiben. Die ganze Serie macht den Eindruck, dass er mit dem Schreiben fertig ist, bevor er angefangen hat zu recherchieren. Als Beispiel greife ich seinen Bericht «Vor 80 Jahren: Das turbulente Jahr 1938» («Liechtensteiner Vaterland», 4. Juni 2018) heraus. Nachdem ich den Bericht gelesen hatte, wusste ich nicht, ob Herr von Vogelsang wirklich so ahnungslos ist oder ob er nur so tut. Aus dem «turbulenten Jahr 1938» berichtet er über die Briefmarkenausstellung, den Brand des Gasthauses Sonne in Triesen, den Auslieferungsvertrag mit Belgien, die Eröffnung des Landessportplatzes und die Eröffnung der Volksschule in Vaduz – Turbulentes ist da nicht zu finden. Besondere Bedeutung hatten nur der Tod von Fürst Franz I. und der Regierungsantritt von Fürst Franz Josef II.
Warum das Jahr 1938 «turbulent» war, erfährt die Leserin, der Leser nicht. Dabei gibt es mittlerweile genügend Literatur, um sich zu informieren. Ich verweise beispielsweise auf die Arbeit von Peter Geiger «Liechtenstein im Jahre 1938» (Jahrbuch des Historischen Vereins 1990). Dort kann man nachlesen, warum das Jahr 1938 wirklich ein dramatisches Jahr war. Hier nur ein paar Stichworte: hohe Arbeitslosigkeit im Land, Anschluss Österreichs an Deutschland, Anschlusspläne für Liechtenstein, zutiefst zerstrittene Parteien, Friede zwischen den Parteien und Bildung einer Koalitionsregierung in Vaduz unter dem Druck der Schweiz und des Fürstenhauses, Bekenntnis des Landtags zur Selbstständigkeit und Unabhängigkeit des Landes, Besuchsdiplomatie der Regierung in Bern, Wien und Berlin, Ausübung der fürstlichen Hoheitsrechte durch den Thronfolger Franz Josef II., Gründung der Volksdeutschen Bewegung (nationalsozialistische Partei), jüdische Flüchtlinge.
Peter Geiger fasste zusammen: «Nicht viel Frohes, sondern Dramatisches musste über das Jahr 1938 berichtet werden. Das Land war in der Märzkrise existenziell bedroht gewesen, von aussen wie von innen. Die Gefahr erwies sich zwar als kurz, latent bestand sie fort. Unter höchstem Druck fand die politische Vernunft zum Parteienburgfrieden, das Gemeinsame über das Trennende setzend, vom neuen Fürsten mitgetragen, von der Schweiz gefördert, ja sogar vom Reich, weil taktisch verstanden, begrüsst.»

Paul Vogt,
Palduinstrasse 74, Balzers

Teile diesen Leserbrief mit deinen Freunden

Leserbrief schreiben

Wie denken Sie darüber?
Titel
Text 0 / 2500 Zeichen
Weiter