Volksblatt Werbung
Volksblatt Werbung
Volksblatt Werbung
Leserbrief

Aber wozu?

Víctor Arévalo Menchaca, Univ. Prof. Dr. iur., Auring 56, Vaduz | 19. April 2018

In «Lie: Zeit» 64 vom April erschien eine wunderliche Note von Patricia Schiess aus dem Liechtenstein-Institut, «Juristische Gutachten – wozu sind sie gut?» Da sagt sie, dass im Februar der Landtag die Rekordzahl von vier Gutachten brauchte, um die Informationsinitiative verfassungsmässig zu erklären. Der Regierungschef, der behauptete, die Initiative sei ein Verfassungsbruch, sogar zwei: Eines vom eigenen Rechtsdienst und ein anderes von Thomas Sägesser. Der Landesausschuss ein weiteres von Peter Schierscher. Das vierte Gutachten bestellten die Initianten selbst bei einer Zürcher Kanzlei.
P. Schiess schreibt: «Die Rechtswissenschaft stellt keine exakte Wissenschaft dar.» Eine Absurdität! Es gibt keine Rechtswissenschaft, sondern Rechtswissenschaften, in den 1930er-Jahren schon zumindest drei: Rechtsdogmatik, Rechtssoziologie und Rechtsgeschichte. Das Recht ist ein menschliches Phänomen, das verschiedene Zweige des Wissens beschäftigt. Es gibt ausserdem nirgends «exakte Wissenschaften». Wie Kurt Gödel 1930 bewies, die Mathematik könne sich nicht selbst begründen. Es wäre absurd zu sagen, die Mathematik wäre eine exakte Wissenschaft. Gleiches gilt für die experimentelle und die theoretische Physik, besonders heute, dass sich die Quantentheorie allen anderen gegenüber behauptet.
P. Schiess schreibt: «Recht kann nicht gemessen, gezählt oder geröntgt werden.» Darin irrt sie sich. Gewisse Zweige der Rechtsinformatik messen und zählen Rechtsphänomene. Ebenso kann diese den Inhalt von neuronalen Netzwerken, die sich auf Rechtsphänomene beziehen, seit 1996 durchleuchten.
P. Schiess schreibt: «Es gibt kein mathematisches oder an naturwissenschaftlichen Grundsätzen orientiertes Verfahren, das die Richtigkeit einer Formulierung oder die korrekte Auslegung einer Norm bestätigen könnte.» Dafür gibt es aber Verfahren, die sich an Grundsätzen der Rechtswissenschaften orientieren und bestätigen können, ob die Auslegung einer Norm korrekt ist oder nicht.
P. Schiess schreibt: «Für viele Rechtsprobleme gibt es nicht eine einzige richtige Lösung.» Ebenso gibt es für viele Probleme der Mathematik, der Himmelsmechanik und der Physik keine einzige richtige Lösung. Für manche gibt es immer noch keine Antwort sogar, obgleich man sie beobachtet. Es gibt jedoch mathematische und rechtliche Wahrheiten.
P. Schiess schreibt: «Recht ist als Textwissenschaft immer an Sprache gebunden.» Alle Wissenschaften sind an Sprache gebunden. Es gibt keine stummen, sprachlich ungebundenen Wissenschaften. Recht kann ausserdem keine Textwissenschaft sein, weil Recht an sich keine Wissenschaft ist. Recht ist dagegen ein menschliches Phänomen, mit dem sich verschiedene Wissenschaften, manche sehr neuen, beschäftigen.
Entweder weiss P. Schiess nicht, was Recht, Verfassung und Juristerei sind, oder will solches überzeugend vorspiegeln, was ihr vollkommen gelingt. Aber wozu? Auf die Frage komme ich noch zurück!

Víctor Arévalo Menchaca, Univ. Prof. Dr. iur., Auring 56, Vaduz

Teile diesen Leserbrief mit deinen Freunden

Leserbrief schreiben

Wie denken Sie darüber?
Titel
Text 0 / 2500 Zeichen
Weiter
Volksblatt Werbung