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Leserbrief

Fleures du bêtise

Jo Schädler, Eschnerstrasse 64, Bendern | 12. März 2018

Ein «Wessi» sitzt in der DDR im Speiselokal und verlangt nach dem Kellner, weil in seiner Suppe eine Fliege schwimmt. Der Kellner kommt, greift mit nackten Fingern in die Suppe, zerdrückt sie und schmeisst sie auf den Teppich. Fragt der Wessi: Machen sie das hier immer so? Darauf der Kellner: Nein, den Einheimischen hauen wir gleich in die Fresse. Tatsächlich geben sich derzeit unsere nach Berlin Entsandten, allergrösste Mühe, Menschen aus Ost und West und auch ihren Besuchern, unser kleines Land von seiner besten Seite zu zeigen. ITB Berlin: «Ein kleines Land, ganz gross präsentiert.» So die Schlagzeile. Das heisst, da wird jetzt gelogen auf Teufel komm heraus. Denn währenddem dort die Genussmomente obsiegen und man aus Höflichkeit nicht nach dem Dreck unter dem Teppich fragt, zeigt hier der älteste Liechtensteiner, wie weltoffen er doch ist und wie weit er mit Neid auf Schönheit über den Tellerrand blickt. Da tanzen im Landesmuseum wunderbar gebaute, an Anmut nicht zu übertreffende, äusserst sympathische Frauen aus Russland, um uns dessen kulturelle Schönheit in Form von Musik und Gesang mit Blumen untermalt näherzubringen und uns einzuladen, in Väterchen Russland mehr wie nur Kälte, Sibirien und die Grauen der Diktatoren zu entdecken. Kaum beginnt die Aufführung, tritt Liechtensteins selbsternannter Wächterrat auf den Plan und zerstört was es zu zerstören gab. Zu viel Schönheit, zu wenig Liechtenstein. Zu viel gut gebaute Körper, zu wenig ausgestopfte Murmeltiere. Zu viel Liebreiz, zu wenig Vähtreb und Rheinnot. Zu den Absichten dieser weissen Kulturdiktatoren mit quotenregulierter Femendominanz wäre das aber erst der Anfang. Rotzfrech bedienen sie sich an Baudelaire, um in der Farce «Les fleures du mal» alles zu stören und allem in die Suppe zu kotzen, was ihrem edlen und über alles erhabenen Geist nicht passt. «Der Tod der Künste» hat hier in Liechtenstein Tradition. Er mäht Fixer und Sphinxen nieder, fasst immer mehr Fuss und neigt unter dunkel gekleideten, schwarze Blumen werfenden Moralisten, die intellektuelle Oberschicht der Weissen zur Schau tragend, Baudelaires persönlicher Zerrissenheit immer näher zu kommen, doch seinem Werk immer ohnmächtiger und dümmer gegenüber zu stehen. Ausgerechnet Baudelaire, dem Schönheit über alles ging.
Und um mit ihm zu enden: «Und will die Posse mir nicht mehr gefallen, pack’ ich ihn mit der schwachen, starken Hand, mit meinen Nägeln wie Harpyenkrallen zerfleisch ich ihn, bis ich sein Herze fand.»

Jo Schädler,
Eschnerstrasse 64, Bendern

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