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Leserbrief

Schaden für alle Organisationen, die mit Herz und Verstand arbeiten

Gabriel Müller, Geschäftsführer Licht für die Welt, Zürich | 1. März 2018

Der Oxfam-Skandal, in dessen Windschatten sich einige andere weltbekannte Hilfsorganisationen mit bislang vertuschten Missständen eingereiht haben, erschüttert nicht nur diese Bekennenden, sondern schadet indirekt auch sämtlichen Stiftungen und Nothilfeorganisationen, die sich mit Herz und Verstand dem Dienst an der Mitmenschlichkeit verschrieben haben. Aufrufe zu Spendenstopps als erzwungene Selbstreinigung der Missetäter mögen als probates Mittel der Stunde verlocken, treffen am Ende und unmittelbar aber diejenigen, die der Hilfe in entlegenen Gebieten am dringendsten bedürfen. Die Folge schwindender Unterstützung werden reduzierte Hilfsprogramme und letztlich mehr Not leidende Menschen in den Armutsgebieten sein. Würde man bei einer ethischen und strafrechtlichen Verfehlung eines Oberarztes oder gar des wirtschaftlichen Direktors eines Schweizer Krankenhauses als direkte Massnahme die Mittel für den Spitalbetrieb kürzen oder gänzlich streichen? Ich nehme an Nein, denn es wäre den Patientinnen und Patienten gegenüber und der Notwendigkeit einer medizinischen Grundversorgung wegen unverantwortlich. Dass Politiker/-innen zu einer lückenlosen Aufklärung bestehender Missstände bei Oxfam aufrufen und Fördermittel vorläufig auf Eis legen, mag das probate politische Mittel der Stunde sein. Dass alle Hilfsorganisationen einen strengen ethischen Kodex haben und auch intern engmaschig überwachen, wäre die zu erhoffende Folge aus dem aktuellen Skandal, für Oxfam sowie alle Initiativen im Dienste der Mitmenschlichkeit. Aktuell scheint jedoch ein subtiles Raunen mit Generalverdachtsneigung durch Europa zu gehen, dass es in der Entwicklungszusammenarbeit und Nothilfe insgesamt übel zugehe. Das Vertrauen in Nothilfe und Entwicklungszusammenarbeit ist wegen der schweren Verfehlungen Einzelner angeschlagen. Die Millionen notleidenden Menschen, ob in Syrien, dem Südsudan oder Äthiopien, die tagtäglich durch fundierte Nothilfeprogramme über internationale Hilfsorganisationen und Entwicklungsgelder tagtäglich ein Überleben und ein würdevolles Dasein finden, können nichts dafür. Aber sie werden indirekt mitbestraft, indem die Mittel der Hilfe schwinden. Unsere Licht für die Welt-Mitarbeiterin Yetnebersh Nigussie, eine blinde Rechtsanwältin aus Äthiopien, wurde vor wenigen Wochen mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. Ihr Lebenswerk für Behindertenrechte und damit bahnbrechende gesellschaftliche Veränderungen für die am meisten ausgegrenzten und benachteiligten Menschen jeder Gesellschaft, wird im Schatten der Verfehlungen Einzelner in der Weltöffentlichkeit an den Rand gedrängt. Gebot der Stunde wäre vielmehr ein differenzierter Blick, der weiterhin den Helfenden und Lebensrettern in nachhaltigen Entwicklungsprogrammen den Raum gibt, der ihnen dringend gebührt.

Gabriel Müller, Geschäftsführer Licht für die Welt, Zürich

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