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Leserbrief

Wo bleibt der Aufstand der Journalisten?

Reinhard Walser,Bartlegrosch 38, Vaduz | 17. Februar 2018

Was erwarten wir, als Gesellschaft, von einem Journalisten und was darf er, der Journalist, von der Gesellschaft erwarten.
Journalisten sollten nach angemessener Recherche und Anhören der verschiedenen Standpunkte zu einem inhaltlichen Ergebnis kommen und dieses in ihren Artikel zum Ausdruck bringen (dürfen). Der Leser erhofft sich (hoffentlich) eine fundierte Meinung, wünscht sich aber im Geheimen, dass der Journalist seine persönliche Meinung bestätigt. Diese Erwartungshaltung ist an sich problematisch. Und nicht tauglich.
Dass ein Artikel nie allen passen kann, liegt auf der Hand. Dies ist auch gut so. Journalisten sollten eine Haltung haben und keine Waschlappen sein, in der Hoffnung, von allen Seiten geliebt zu werden. Wer rundum Applaus will, darf nicht Journalist sein oder werden, der muss in den Zirkus. Dort gibt’s in den meisten Fällen Applaus von allen. Auch von den Stehplätzen.
Was erwarten Journalisten von der Gesellschaft. Vor allem eines: die Meinung des Journalisten ernst nehmen und sich mit ihr auseinandersetzen. Akzeptieren, dass seine seriös erarbeitete Meinung (hoffentlich) nach bestem Wissen und Gewissen gefertigt wurde. Man kann ihr zustimmen, man kann sie aber auch ablehnen. Man kann sich freuen, man kann sich aber auch ärgern.
In den meisten Ländern der Welt sind Leserbriefe das Instrument für die Stellungnahmen der Leser. Diese Leserbriefe sind als Dialog mit der Redaktion gedacht. Sie sind ein wichtiger Seismograf für Redaktion und Verlag.
In Liechtenstein haben die Leserbriefe eine andere Färbung. Die wenigstens befassen sich mit dem Geschriebenen in den Medien. Die Leserbriefe sind zu einer Art Meinungsbühne für jedermann verkommen. Ein Jekami der besonderen Art.
Die Folge? Der Journalist bekommt fast keine Rückmeldung. Und wenn, fast immer nur negative. Ihm fehlt der «Applaus» und die Anerkennung. Das macht ihn isoliert und einsam.
Unzufriedene Leser reagieren in Liechtenstein oft völlig eigenartig: Sie akzeptieren eine andere als seine eigene Meinung nur schwer. Sie schimpfen über den Journalisten. Sie versuchen über übergeordnete Personen Druck auf diesen auszuüben. Oder spektakulärer: sie kündigen das Abo. Oder drohen der nahestehenden Partei mit dem politischen Entzug. Und falls das Verlagsmanagement dem möglichen Druck nicht widerstehen kann oder will, degradiert man den Journalisten, wie das Beispiel Michael Winkler zeigt.
Die Frage sei erlaubt: Welche Journalisten wollen wir? Wollen wir Journalisten ohne Meinung, die den Leuten nach dem Munde reden, sogenannte Meinungseunuchen? Oder wollen wir Journalisten, die Haltung zeigen. Die unangenehm sein können und zum Denken anregen? Wir alle entscheiden. Jeder für sich.


Reinhard Walser,
Bartlegrosch 38, Vaduz

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