Leserbrief

Unfassbare Relativierung

Evelyne Bermann, Ehrenpräsidentin des Liechtensteiner Freundeskreises für Yad Vashem,... | 1. Februar 2018

Was sind schon 6 Millionen ermordete jüdische Menschen im Vergleich zu circa 55 Millionen Toten im Zweiten Weltkrieg? In einem Punkt gebe ich Ihnen recht, Herr Winkler. Jedes einzelne Opfer dieses unsinnigen Krieges war eines zu viel. Die 6 Millionen ermordeten jüdischen Männer, Frauen und Kinder – mehr als 55 Prozent der jüdischen Bevölkerung in Europa – waren Inhalt und Ziel staatlicher Verfolgung im Nationalsozialismus. Sie wurden erniedrigt, entrechtet, beraubt, aus ihren Wohnungen gezerrt, in Razzien zusammengetrieben, in Viehwaggons quer durch Europa verschleppt, in Konzentrationslagern gefangen gehalten, gefoltert, geschändet, durch Zwangsarbeit und Nahrungsentzug zu Tode geschunden, an ihnen wurden medizinische Experimente durchgeführt, sie wurden gehängt, erschossen oder durch Giftgas getötet.
All diese Leiden verbergen sich hinter dem Begriff «Holocaust».
Unzählige nicht jüdische Personen waren an diesem Völkermord beteiligt, haben diese durchorganisierte Tötungsmaschinerie möglich gemacht. Es hat 50 Jahre gedauert, bis dem Holocaust an den Juden ein internationaler Gedenktag gewidmet wurde. Und nur 13 Jahre, bis ein junger Chefredaktor dieses Grauen relativiert und weichspült. Meine Grosseltern wurden in Auschwitz ermordet, allein schon in ihrem Namen fordere ich eine öffentliche Entschuldigung von Ihnen, Herr Winkler.
Dass Sie den Holocaust-Gedenktag dafür missbrauchen, den demokratischen Einsatz von Frauen in Liechtenstein für eine zuverlässige Vertretung im Parlament zu bekämpfen, ist so ungeheuerlich, dass man dies als Schändung interpretieren darf.

Evelyne Bermann, Ehrenpräsidentin des Liechtensteiner Freundeskreises für Yad Vashem, Internationale Holocaust Gedenk- und Forschungsstätte in Jerusalem

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