Leserbrief

Unser Liechtenstein

Andrin Oehry,Böler 17, Eschen | 21. Januar 2016

Teil eins von drei

Wir waren ein Land voll Bauern. Dass wir materiell arm waren damals, lässt sich nicht bestreiten. Ob wir deshalb unglücklich waren, darüber lässt sich streiten. Für die meisten in diesem Binnenstaat steht der materielle Reichtum an erster Stelle. Auch wenn nur wenige es zugeben möchten. Viele haben sich einreden lassen, dass es einzig und allein darum geht, wie viel Geld wir besitzen und dass man die Hand nicht beisst, die einen füttert.
Tatsache ist, dass unsere Vorfahren mit dieser Region verkauft wurden. Gekauft von einer Familie, deren Familienname heute unsere Nationalität ist. Wir leben in einer Mo-narchie, in der unsere höchste «politische» Instanz keine Steuern bezahlt, Frauen und homosexuelle unterordnet und sich in absolut politischer Immunität sonnt.
Ich bin nicht dem Zustand verfallen, andere aufgrund ihres finanziellen Wohlstands zu verachten oder zu beneiden – aber ich stelle mir des Öfteren die Frage, warum hier so viele Menschen den Wohlstand mit der Wohlfahrt gleichsetzen und trotzdem so unglücklich sind.
Ich sehe viele Menschen in meinem Alter, die diesem Land den Rücken zuwenden. Menschen, denen etwas an einer gesunden Gesellschaft liegt, an Kunst und Kultur, an einem sozialen Zusammenleben. Doch sie fühlen sich nicht verstanden, ziehen weg oder wandern aus. Indessen ziehen «kompetente Fachkräfte» in unser kleines Land und verschanzen sich, wenn sie nicht gerade arbeiten, in ihren Neubauten. Ich begegne diesen Leuten nicht im Dorf, an der Fasnacht oder auf der Strasse. Ich kenne sie nicht und sie kennen mich nicht.
Es ist schwer, in einem wohlhabenden Land mit weniger als 40 000 Einwohnern nicht jemandem auf die Füsse zu treten, wenn man sich politisch äussert. Doch ist es nicht genau das, was uns so einzigartig macht? Sollten wir als eines der reichsten Länder «wo man sich kennt» nicht ein besseres Beispiel sein, als nur mit dem Finger ins Ausland zu zeigen und zu sagen: «Uns geht es besser als denen, also beschwer dich nicht!» Sollten wir nicht den Versuch wagen, uns selbststständig zu entwickeln – oder dienen die Gebäude entlang des Peter-Kaiser-Platzes nur als Aussenstelle der allgemeinen Weltpolitik oder als Touristenattraktion um unserer Hauptstadt, neben dem Schloss, wenigstens noch ein Fünkchen Persönlichkeit zu geben?


Andrin Oehry,
Böler 17, Eschen

Teile diesen Leserbrief mit deinen Freunden

Leserbrief schreiben

Wie denken Sie darüber?
Titel
Text 0 / 2500 Zeichen
Weiter
Volksblatt Werbung