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Leserbrief

Jenseits der Schmerzgrenze

Paul Vogt,Palduinstrasse74, Balzers | 21. Januar 2016

Flüchtlingselend

Manfred Schlapp schreibt im «Liechtensteiner Vaterland» vom 19. Januar, dass das «Gesülze» von Bundespräsident Gauk bei einer Gedenkfeier zum Kriegsende vor 70 Jahren «hart an der Schmerzgrenze» gewesen sei. Nicht milder urteilt er über Angela Merkels Flüchtlingspolitik. Für mich ist sein Beitrag jenseits der Schmerzgrenze. Seine Botschaft ist simpel: Der Islam ist keine Religion, sondern eine politische Ideologie, die darauf abzielt, die europäische Kultur und Zivilisation zu zerstören. Er sieht die Flüchtlingswelle als eine Inszenierung des IS, denn der Strom der Immigranten sei angeschwollen, nachdem der IS eine Flüchtlingswelle nach Europa angekündigt habe, «mit dem Ziel die dekadenten Europäer mit dem Islam zu beglücken». Kann und darf man die komplexe Flüchtlingsproblematik so einfach erklären? Schlapp gefällt sich in der Rolle des Propheten und knüpft an seine früheren «Weckrufe» im «Vaterland» an. Mit keinem Wort zeigt er Verständnis für die lebensbedrohliche Situation der Flüchtlinge in ihren Herkunftsländern, mit keinem Wort zeigt er Mitgefühl. Er weist nicht darauf hin, dass vom IS-Terror in erster Linie Moslems betroffen sind – oft verzweifelte Frauen und hilflose Kinder. Ich würde von einem Philosophen erwarten, dass er differenziert und nicht in dieser unsäglichen Art pauschalisiert. Zur Fairness würde auch gehören, dass er erwähnt, dass sich die meisten islamischen Organisationen wiederholt vom islamischen Terror distanziert und diesen klar verurteilt haben.
Zum ganzen Beitrag gäbe es noch vieles anzumerken. Ich beschränke mich auf eine Bemerkung zur Bildauswahl: Das Bild zeigt drei Mütter auf einem verschneiten Bahnhof. Ihre frierenden Kinder halten sie in den Armen, eine alte Frau hockt gottergeben im Hintergrund. Männer sind auf dem Bild nicht zu sehen. Ein eindringliches Bild, das Mit- gefühl weckt. Glaubt man der Bildlegende, entstand das Foto im Dezember 1945 in Berlin. Es handele sich um die einzigen Überlebenden von 140 deutschen Zwangsvertriebenen, die einige Monate vorher im polnischen Lódz zu einem Gewaltmarsch aufgebrochen seien. Ich habe im Internet zu diesem Bild recherchiert und bin auf etwas anderes gestossen: Das Bild wurde wahrscheinlich «umcodiert», aus polnischen Flüchtlingen wurden deutsche Zwangsvertriebene. Gesicherte Informationen zu diesem Bild liegen aber offenbar nur wenige vor. Natürlich kann Schlapp darauf hinweisen, dass er diese Personen in gutem Glauben als deutsche Zwangsvertriebene angesehen hat, da es als auch anderswo mit dieser Legende publiziert wurde. Es bleibt aber die Frage: Warum wählte er nicht ein Bild zum aktuellen Flüchtlingselend? Warum nicht ein ebenso eindringliches Bild mit Schutz suchenden Müttern und Kinder aus Syrien?
P.S.: Irgendwie kam bei mir der Verdacht auf, dass es Schlapp vor allem darum ging, für sein im Juni erscheinendes neues Buch Werbung zu machen. Und dafür stellte ihm das «Liechtensteiner Vaterland» eine Doppelseite zur Verfügung.

Paul Vogt,
Palduinstrasse74, Balzers

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