Volksblatt Werbung
Leserbrief

Going Gaga mit MiFID

Martin Wachter,Werdenbergerweg 11, Vaduz | 17. Januar 2018

Ein einfaches Beispiel das derzeit kursiert, liefert eine Erklärung zu MiFID, dem neuen Regulierungsmonster aus EU-Küche, mit überschaubarem Nutzen zum Schutze des vermeintlich unbedarften Anlegers auf Kleinkind-Niveau, wie folgt: «Stellen Sie sich vor, Sie möchten gerne ein Brötchen kaufen und gehen zum Bäcker in Vaduz, Schaan oder Triesen. Sie sind unsicher ob es ein Roggen- oder Vollkornbrot sein soll. Der Bäcker fragt Sie erst einmal, welchen Beruf und welche Ausbildung Sie haben, ob Sie überhaupt schon mal ein Brot gekauft haben und wenn ja, welcher Art. Er wird Sie zuerst einmal als unprofessionellen Brötchenkäufer einschätzen. Dann will er wissen, wie viel Sie im Monat verdienen, welche sonstigen Einkünfte Sie haben, was Ihre monatlichen Ausgaben und Verpflichtungen sind, um abschätzen zu können, ob er Ihnen den Kauf eines Brötchens überhaupt empfehlen darf. Und wenn Sie sich weigern, diese Angaben zu machen, darf Ihnen der Bäcker keine Brötchen empfehlen. Haben Sie die nötigen Angaben geliefert, muss der Bäcker erläutern, aus welchen Zutaten das Brot besteht und in welchen Verhältnissen es gemischt wurde. Er wird zudem auf die steuerlichen Auswirkungen eines Brotkaufes eingehen. Der Bäcker wird sich Zeit nehmen, Ihnen mögliche Risiken zu erläutern, die nach dem Brotkauf entstehen könnten und Sie gezielt fragen, of Sie alle Erläuterungen verstanden haben. Dann übergibt Ihnen der Bäcker eine 90-seitige Broschüre Basiswissen über Brot. Sie bestätigen mit Ihrer Unterschrift, die Broschüre erhalten zu haben. Zusätzlich erklärt der Bäcker, welche Einkaufspreise er für die Zutaten zahlt und wie viel er an jedem Brot verdient und dass der Rabatt, welcher ihm sein Mehl-Grossist eingeräumt hat, bereits eingepreist ist. Dann weist er Sie noch darauf hin, dass das von Ihnen gewünschte Brot zurzeit in Triesenberg um 5 Rappen günstiger zu haben sei. Er dokumentiert bei sich akribisch dieses Gespräch, lässt Sie das Protokoll unterschreiben und packt Ihnen das Brot schlussend­lich ein.»
Eine Fortsetzung für geplagte einheimische Mitglieder der Bäckerei-Zunft könnte lauten wie folgt: Nun erhält der Bäcker Besuch eines sehr vermögenden Aprikosen-Konfitüren-Lieferanten. Der Bäcker soll für ihn fünf Tonnen Konfitüre in seinem Kühlschrank einfrieren, was die Lebensmittelverordnung aber ausdrücklich verbietet. Dem Bäcker sind seine mehligen Hände gebunden, für die (Nicht-)Einlagerung der Konfitüre hat er trotzdem eine extra Einlagenversicherung für mehrere Tausend Franken abzuschliessen, obwohl er a) die Konfitüre für seine Berliner als Füllung gar nicht brauchen darf und b) das Verbot ja bestimmt, dass keine fremde Konfitüre in seinem Kühlschrank zwischen seiner eigenen Konfitüre anzutreffen sei!
Die Folge: Bäckerei am nächsten Tag geschlossen, Schild an der Tür: «Heute und bis auf Weiteres keine Brötchen, Bäcker in seiner Backstube derzeit unauffindbar, hat sich hinter seinem Bürotisch verschanzt, murmelt unverständliche Dinge wegen irgendwelcher komischen Formulare. Vermuteter Geisteszustand: komplett Gaga!»

Martin Wachter,
Werdenbergerweg 11, Vaduz

Teile diesen Leserbrief mit deinen Freunden

Leserbrief schreiben

Wie denken Sie darüber?
Titel
Text 0 / 2500 Zeichen
Weiter
Volksblatt Werbung