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Leserbrief

«Seid Sand …

Amon Marxer,Eschen | 12. Januar 2018

… im Getriebe der Welt!» («Wacht auf» von Günter Eich). Ich fürchte, die letzten beiden Strophen dieses Gedichts werden immer aktuell bleiben. Dabei sollte der Blick aber nicht nur nach rechts, sondern gelegentlich auch nach links schweifen. «Keine Angst, wir gehören zu den Guten! Wir wollen nur, dass Respekt und Anstand herrschen.» So tönt es sinngemäss aus Leserbriefen zum Thema Zensur. Die Grenze des Anstands sollen dann nicht Richter/-innen, sondern die (u. a. steuerfinanzierten) Zeitungen selbst ziehen. Ist das ein Witz?
Es weiss doch keiner, wo die Grenze heute verläuft. Und wichtiger noch: Wo verläuft sie morgen, übermorgen? Man schaue sich an, was im Dritten Reich als «anständig» galt. Ein Tipp: Die Juden gehörten nicht dazu. Man kann die Zensur schönreden als Political Correctness, aber sie bleibt eine schleichend fortschreitende und für die Demokratie am Ende tödliche Krankheit.
Manchmal denke ich, die Leute sollten mit 30, wenn die Realität den jugendlichen Idealismus etwas gedämpft und die Sicht auf die Welt geschärft hat, nochmals ein paar Nazi-Texte und ein bisschen Marx lesen oder einfach in einem Geschichtsbuch stöbern. Die haben es alle auch nur gut gemeint. Jedenfalls am Anfang. Angeblich. Genauso wie die Inquisition der Katholischen Kirche, in deren Kellern Tausende geschrien haben. Was könnte es denn Wichtigeres geben, als Seelen zu retten? Und immer noch können Menschen nicht zwischen ihrem Glauben und einer menschgemachten religiösen Organisation unterscheiden. Die meisten Menschen wollen offenbar geführt werden, weil sie nicht selbst denken möchten, und zum Führer wird derjenige erkoren, der die grösste Überzeugung ausstrahlt. Wenig überraschend sind es dann am Ende die geistig kranken Extremisten, die den Ton angeben; seien das Nazis, Bolschewisten oder religiöse Führer.
Es läuft doch immer gleich ab. Jede Ideologie sieht erst wie ein flauschiger Welpe aus. Man ist aber gut beraten, sich mit dem Hund gleich auch den Revolver zu besorgen. Am Anfang gilt noch: Keine Angst, er will nur spielen! So weich das Fell! Irgendwann fühlt man sich nicht mehr wohl, im selben Zimmer zu schlafen und schliesslich traut man sich nicht mehr am Tier vorbei aus dem Haus. Dann ist es Zeit, den Revolver aus der Schublade zu holen und zu hoffen, dass der Hund nicht schneller ist.
Viele Leser/-innen unserer Landeszeitungen werfen täglich seitenweise Sportnachrichten ungelesen in den Müll. Wer behauptet, eine Viertelseite Leserbriefe falle da ins Gewicht, dem geht es nicht darum, selbst Leserbriefe ignorieren zu müssen, sondern darum, dass niemand die Möglichkeit haben soll, sie zu lesen. Zensur. Wie gesagt, Schneeflocken: Schaut in den Spiegel. Ihr entscheidet nicht, was ich lese.

Amon Marxer,
Eschen

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