Leserbrief

Die IAP sieht Gespenster

Paul Vogt, Palduinstrasse 74, Balzers | 11. Januar 2018

«Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst der Frauenquote.» Mit diesem abgewandelten Zitat aus dem Kommunistischen Manifest von 1848 (bei Karl Marx hiess es das «Gespenst des Kommunismus») beginnt Prof. Dr. Dr. Daniel von Wachter seinen Leserbrief zum Thema Frauenquote (5. Januar 2018). Herr von Wachter ist Direktor der Internationalen Akademie für Philosophie im Fürstentum Liechtenstein (IAP) und firmiert dort als Professor für Philosophie mit besonderem Interesse für Ethik. Eigentlich wäre er damit prädestiniert für eine vertiefte Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragen. Beim Lesen seines Leserbriefs wird aber klar, dass er jede Art von Frauenquote auf Grund seiner Wertvorstellungen zum Vornherein für Unrecht hält, ja sogar als Eingriff in eine göttliche Ordnung.
Wie hält es die IAP mit den Frauen? Wer auf deren Homepage sucht, findet eine einzige Frau: die Geschäftsführerin. Forschung und Lehre sowie die Mitgliedschaft in den Leitungsgremien sind Männern vorbehalten. Die IAP dürfte die einzige akademische Institution sein, an der nur Männer lehren und forschen. Dabei ist unbestritten, dass Frauen gerade auf akademischer Ebene die Männer längst eingeholt haben – an den Qualifikationen kann es also nicht liegen, wenn die IAP bis heute eine Männerbastion ist.
Gemäss Professor von Wachter geht also das Gespenst der Frauenquote in Europa um. Tatsächlich beschäftigt dieses Thema die europäische Politik schon seit über 20 Jahren. Immerhin hat der Europäische Gerichtshof seine ursprünglich ablehnende Haltung zur Frage, ob Frauen bei gleicher Qualifikation bevorzugt werden dürfen, revidiert.

Ein Gespenst ist ein nicht fassbarer Geist, es spukt und man wird es nicht mehr los. Wer das Phänomen nicht versteht, bekommt Angst. Im Kommunistischen Manifest stand es für eine sozialrevolutionäre Bewegung. Herr von Wachter sieht nun die Frauenquote als Gespenst – für ihn offenbar eine Bedrohung der Gesellschaft. Die Analogie zum Sozialismus dient einzig der Diffamierung der Frauenquote. Dabei zeigt die Geschichte, dass Werte wie Freiheit, Rechtsstaat und Demokratie erkämpft werden mussten. Der Ethik-Professor könnte doch auch hier Analogien ausmachen.

Den Vertreterinnen und Vertretern einer Frauenquote müsste die professorale Gespenster-Theorie eigentlich Mut machen: Gespenster können nicht vernichtet werden und sie geben nie auf. Sie verschwinden manchmal, sie melden sich aber immer wieder – bis sie erlöst werden.

Paul Vogt, Palduinstrasse 74, Balzers

Teile diesen Leserbrief mit deinen Freunden

Leserbrief schreiben

Wie denken Sie darüber?
Titel
Text 0 / 2500 Zeichen
Weiter
Volksblatt Werbung