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Leserbrief

Futur II – Die vollendete Zukunft?

Jo Schädler,Eschnerstrasse 64, Bendern | 4. Januar 2018

Kaum eine Ansprache zum Jahreswechsel, in welcher nicht mit dem durchtriebenen Wort «Zukunft» salbadert wird. Krönung findet dieser schlitzohrige Schalmaiengesang in der Hypothese, man solle nicht immer von «man» reden, sondern von «wir», so wie die Regierenden es ja immer täten. Ein Lapsus Linguale der höheren Klasse und ein wohl etwas unkontrollierter Auswurf.
Doch diese obskure «Zukunft» hat es in sich, denn sie ist so wunderbar unfassbar. Mit ihr kann man das Hier und Jetzt galant überfliegen und die Vergangenheit muss man mit ihr auch nicht aufarbeiten. Und das Allerschönste an ihr: sie kommt immer wieder neu. Spätestens zum nächsten Jahreswechsel und dann wieder zum nächsten und dann wieder und immer fort. Dem Amtswechsel ist sie besonders nützlich, denn der neue Mann wird auch wieder von ihr schwätzen. Nichts scheint verlockender, als die Zukunft in die Allgemeinplätze der Ansprachen und Schönwetterreden zu implantieren, da sie vorzüglich immer entflieht und gar nie existent und zugänglich ist.
Das Gute beim Jahreswechsel ist, dass der Christbaum schon abgeräumt ist, denn sonst würden dessen Kugeln vor lauter Entsetzen zerplatzen und er geradezu sprachlos sein, wie die mit den höchsten Ämtern im Staate behängten «wir»-Verfechter dann im Alltag zu «man»-Fechtern mutieren. So dürfe «man» zum Beispiel den Landtagsabgeordneten nicht erlauben, dass sie Informationen direkt von den Amtsstellen einholen können, sondern die Regierung prüfe, was Volksvertreter zu wissen haben und was nicht. So behandelt «man» uns, das Volk, und unsere Vertreter, also «wir», wie die Lappi. Und zwar «man»-Leute, die «wir» ja gar nicht selber wählen durften. Oder dass «man» bei einem mit viel Steuergeld am Überleben gehaltenen Parteiblatt unsere, die «wir»-Lesermeinung, nach Belieben einfach in den Papierkübel wirft. Oder es bricht einer in mein Haus ein und «man» verbrüdert Exekutive mit Legislative und «man» bestimmt, dass es mich dummen Bürger einen feuchten Dreck angeht, woher der Einbrecher kommt. Verbrechensbekämpfung fällt aus dem «wir»-Schema ganz heraus und «man» bestimmt, was «wir» zu wissen haben und was nicht. Dennoch sollen «wir» helfen, die Zukunft sicherer und besser zu machen. Wie und wann, das sagt «man» uns dann bei Bedarf – wenn überhaupt.
Lucius Annaeus Seneca meinte dazu: Unser Leben darf nicht an der Zukunft hängen, es muss innerlich gesammelt sein; denn der hängt von der Zukunft ab, der mit der Gegenwart nichts anzufangen weiss.

Jo Schädler,
Eschnerstrasse 64, Bendern

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