Leserbrief

Unsere Familien- politik hinkt hinterher

Martina Haas, stellvertretende Geschäftsführerin LANV (Liechtensteinischer... | 21. Dezember 2017

Wird ein Arbeitnehmer Vater, hat er gemäss liechtensteinischem Arbeitsvertragsrecht keinen Anspruch auf bezahlte freie Tage. Einzig in Gesamtarbeitsverträgen oder betriebsinternen Reglementen besteht in der Regel ein Anspruch von einem bis drei Tagen. Zum Vergleich: für einen Umzug bekommt man ebenfalls einen Tag.
Laut einer repräsentativen Umfrage von 2015 im Auftrag von traivail. suisse, der Dachorganisation der Arbeitnehmenden in der Schweiz, befürworten über 80 Prozent einen gesetzlichen Anspruch auf bezahlten Vaterschaftsurlaub. Die Volks­initiative wurde vom Bundesrat am 18. Oktober 2017 abgelehnt. Die Kosten würden zu einem Wettbewerbsnachteil führen, weshalb man sich auf den Ausbau bedarfsgerechter familienergänzender Kinderbetreuungsangebote konzentrieren wolle. Für mich wurde am Volkswillen vorbei entschieden.
Der Vergleich mit anderen europäischen Ländern zeigt, dass unsere Familienpolitik hinterherhinkt. Bezahlte Elternzeit ist ein grundlegender Faktor zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf und für die ganze Gesellschaft von grossem Nutzen. Kinder sind bereits heute unsere Zukunft und es darf nicht nur in der Eigenverantwortung der Familie liegen, sich zu organisieren. Arbeits- und Familienleben miteinander zu vereinen, wirkt sich stark auf die Zufriedenheit der Eltern aus.
Deutschland bezahlt während maximal 14 Monaten ein Elterngeld. Vater und Mutter können sich die Zeit beliebig aufteilen. Ein Elternteil muss mindestens zwei und darf höchstens zwölf Monate beziehen. Das Elterngeld beträgt zwischen 65 und 100 Prozent des früheren Nettolohns. In Österreich können Eltern zwischen zwei Systemen wählen. Ein pauschales Kinderbetreuungsgeld erhalten sie während maximal 24 Monaten.
In Island erhalten Mütter und Väter je drei Monate Elternzeit. Danach können sie sich weitere drei Monate gemeinsam aufteilen. Der Einkommensausfall wird zu 80 Prozent kompensiert. In Schweden beträgt die Elternzeit 480 Tage. Je 60 Tage müssen Mutter und Vater beziehen, den Rest können sich die Eltern aufteilen. Die Elternzeit kann in Teilzeit bezogen werden. Für die ersten 390 Tage erhalten die Eltern 80 Prozent des Bruttolohns, danach während 90 Tagen rund 60 Euro pro Tag.
Die Modelle aus Island und Schweden beinhalten starke Anreize, damit beide Elternteile Elternzeit beziehen. Sie beugen zudem einer Diskriminierung am Arbeitsplatz vor, da auch Väter bei der Geburt ihrer Kinder eine gewisse Zeit bei der Arbeit ausfallen.
Von 27 EU-Ländern kennen 8 Länder noch keine bezahlte Elternzeit. Der nach liechtensteinischem Recht gültige unbezahlte Elternurlaub von vier Monaten erfüllt die absolute Mindestvorgabe der EU. Wer es sich finanziell leisten kann und wem der Arbeitgeber aus freien Stücken entgegenkommt, darf sich Zeit nehmen für das Baby. Unsere Regierung will mit bezahlter Elternzeit abwarten, bis sie von der EU vorgeschrieben wird. Bis dahin bleiben unsere Väter für ihre Kinder Bezugspersonen zweiter Klasse.

Martina Haas, stellvertretende Geschäftsführerin LANV (Liechtensteinischer ArbeitnehmerInnen- verband), Sektion Frauen, Mitglied des Frauennetzes

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