Leserbrief

Kinderbetreuung und Erwerbsleben

Christine Schädler,Vorstand Frauennetz | 5. Dezember 2017

Vereinbarkeit

Viele Studien zeigen, dass die jüngere Generation in einer gleichberechtigten Partnerschaft leben möchte. Sobald jedoch Kinder da sind, setzt häufig eine «Retraditionalisierung» der Geschlechterrollen ein: Frauen übernehmen den Löwinnenanteil der Erziehungs- und Bereuungsarbeit und es sind vor allem die Frauen, die nach dem Mutterschaftsurlaub ihre Arbeitszeit reduzieren. Aus dieser Arbeitszeitverkürzung resultiert für viele ein dauerhafter Teilausstieg aus dem Beruf. Die Konsequenzen sind bekannt: Frauen zahlen weniger in die Pensionskasse ein und sie sind dadurch wesentlich häufiger von Altersarmut betroffen als Männer.
Wenn beide Elternteile erwerbstätig sind, können sie die finanzielle Verantwortung teilen. Dies ist nicht nur im Hinblick auf das Kapital in der Pensionskasse, sondern auch bei einer eventuellen Arbeitslosigkeit bedeutend.
Jede zweite Ehe wird geschieden. Spätestens dann müsste den Männern klar werden, dass es gerade auch im Hinblick auf die Unterhaltszahlungen von Vorteil ist, wenn die Frauen arbeiten. Der berufliche Wiedereinstieg ist für die Frauen einfacher, wenn der Erwerbsunterbruch kurz war.

Ein Blick in die Beschäftigungsstatistik 2016 zeigt: 40,4 Prozent der Beschäftigten sind Frauen, 59,6 Pro­zent Männer. 27,3 Prozent der Angestellten arbeiten Teilzeit. Davon waren 73,4 Prozent Frauen und 26,6 Prozent Männer. Der Anteil an Haushalten mit alleinerziehendem Elternteil nahm in den letzten Jahren stetig zu. Er lag bei der letzten Volkszählung (2015) bei 15 Prozent. Über 90 Prozent der Alleinerziehenden sind Mütter. Sehr viele Frauen und Mütter sind also erwerbstätig und auf gute, bezahlbare Kinderbetreuungsmöglichkeiten angewiesen.
Die Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf betrifft Frauen und Männer. Dennoch stellt die Familiengründung für Frauen meist den wesentlich massiveren Einschnitt dar und sie ist oft damit verbunden, dass Frauen sich zwischen Beruf, Karriere und Kindern entscheiden müssen. Männer und Väter hingegen befassen sich bis heute meist wenig mit der Vereinbarkeit und fordern sie diesbezüglich meist zögerlich und zu wenig vehement ein. Aufgrund der Rollenstereotypien haben sie sowohl beim Staat als auch in der Privatwirtschaft mit noch mehr Widerständen zu kämpfen als Frauen. Erst wenn Staat und Gesellschaft die Vereinbarkeit als übergeordnetes Ziel beider Geschlechter anerkennen und entsprechende Rahmenbedingungen schaffen, wird sich wirklich etwas än-dern – zum Wohl von Kindern, Eltern, Wirtschaft und Staat.

Christine Schädler,
Vorstand Frauennetz

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