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Leserbrief

Meine Welt, deine Welt

Amon Marxer,Eschen | 17. Juni 2017

Chancengleichheit

Vierter Teil: Politik. Zur Herstellung von Chancengleichheit müssen m.E. diejenigen Hürden, die im Leben einer Frau aber nicht oder nur in geringerem Masse im Leben eines Mannes existieren, gesenkt werden. Nach Jahrzehnten der Geschlechterforschung dürfte jedem klar sein, was einem schon der gesunde Menschenverstand sagt: Nämlich, dass Schwangerschaft und Kindererziehung den männlichen Lebenslauf weit weniger beeinflussen, als den weiblichen. Wo der Hebel anzusetzen ist, ist also klar. Aber statt die verfügbaren Mittel wirksam zu diesem Zweck einzusetzen, wird halbherzig und deshalb wohl weitgehend wirkungslos agiert. Ein Beispiel:
Angenommen, wir hätten ein Budget von 100 000 Franken für den Schutz eines gefährdeten Vogels zur Verfügung. Ist es dann sinnvoller, diese beschränkten Mittel nur zum genannten Zweck einzusetzen, oder sollte man die Hälfte davon in die Pflege von Katzen investieren? Auch wenn man Katzen viel lieber mag als Vögel, sagt einem der gesunde Menschenverstand, dass die zweite Variante keinen Sinn ergibt. Katzen sind in ihrem Bestand nicht gefährdet und ihre Förderung dient dem erklärten Ziel, den Vogel zu retten, in keiner Weise.
Verlegt man das Szenario ins politische Theater, macht das Ganze aber scheinbar plötzlich Sinn. Dort heisst es «kein Familienmodell solle bevorzugt werden». Man schickt sich an, beschränkte Mittel nicht nur zielorientiert in die ausserhäusliche Kinderbetreuung u. ä. zu investieren, sondern auch in das traditionelle Familienmodell, das auch ohne Förderung gut funktioniert, was der Chancengleicheit nicht im Geringsten dienlich ist. Man wirft also einen Teil der beschränkten Mittel aus dem Fenster, um alle glücklich zu machen. Am Ende stehen wir wahrscheinlich mit unterfinanzierten Massnahmen da, die nichts bringen.
Gratulation. Willkommen in der politischen Realität. Dabei wäre es m.E. möglich, auch Anhängern des traditionellen Familienmodells einen sinnvollen Einsatz der verfügbaren Gelder zu vermitteln: Jede gute Mutter und jeder gute Vater will wohl, dass die eigene Tochter oder Enkelin glücklich wird, dass es ihr einmal vielleicht sogar besser geht, als einem selbst. Glück hat viel mit Wahlmöglichkeiten zu tun. Man merkt dies im Verlaufe des Lebens, wenn die Optionen mit jeder getroffenen Entscheidung weniger werden. Wenn jungen Frauen neben dem traditionellen Familienmodell auch andere Wege offen stehen, ist das keine Abwertung des traditionellen Familienmodells. Um diese Freiheit möglich zu machen, müssen solche Wege aber erst begehbar gemacht werden.

Amon Marxer,
Eschen

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