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Leserbrief

Liebe Ziegel- steinerinnen, liebe Ziegelsteiner

Jo Schädler, Eschnerstrasse 64, Bendern | 10. November 2015

Regierungsviertel

Es ist wieder da. Ja, es ist wieder da, das schlechteste aller Gefühle. Nach einem ausgedehnten Rundgang mit offenem Auge durch das Regierungsviertel, immer mindestens einen Fuss auf einem Ziegelstein, sprich der Realität, hat sich pump diese schreckliche Vorahnung eingestellt, dass hier der Moder eine längere Bleibe gefunden hat. Bei der Wanderung von Ziegelstein zu Ziegelstein wird das Auge nicht müde angesichts der herrlichen Blütenpracht. Überall spriesst und blüht der Salpeter am gelben Backgestein, zwischen Fugen, auf Mauern, Simsen und Balustern, auf und unter dem Dach. Dort in der Tiefgarage verbindet er sich mit dem Kalk und tropft zum grossen Stalinist heran, während er sich auf dem gelben Platz mit dem Streusalz des Winters verbrüdert, einen Stein nach dem andern der Fuge beraubt und ihm das Zerbröseln näherbringt. Selbst hoch oben auf dem Parlamentsdach zermürbt es einen nach dem andern. Unter dem Parlamentsdach hat es seltsamerweise bis dato noch keinen erwischt. Die Ziegelsteine an der Decke über dem runden Tisch sehen noch relativ klug aus. Das mag wohl daran liegen, dass der runde Tisch keine Erschütterungen erduldet.
Nun, nachdem vor etwa zwei Jahren ein Angstschrei das Gäu erschütterte und gemunkelt wurde, man müsse leider das gesamte Ziegelgehäuf wieder abreissen, beschloss die Regierung ein Untersuchungsergebnis festzulegen. Und tatsächlich: Nach endlos langen 14 Monaten rückte sie den Befund heraus. Zeitungstitel: Entwarnung, alles halb so wild, Lappalien, nicht der Rede wert, alles Blödsinn. Eigentlich wäre alles vernachlässigbar angesichts der höchst erfreulichen Tatsache, dass bei öffentlichen Bauten die zu erwartenden Schäden unausweichlich und das Normalste auf der ganzen Welt wären. Damit solle und wolle der Steuerzahler bitte gerne leben.
Im Falle der Ziegeleinöde in Vaduz würde man die Sache nun planquadratisch und ohne grosses Trara sanieren. Man hätte die Lage aufs Vortrefflichste erkannt, begriffen was zu tun wäre und würde die Schäden auf das Manierlichste im Sinne des besorgten Bürgers wieder ins Reine tragen. Ob dieser wohlklingenden Worte, die einzig und alleine das Beste des Möglichen beinhalten, wird es nebensächlich und lächerlich, wenn dort oben für die nächsten Jahrzehnte einige Dutzend Pflästerer im wohligem Solde unter schützenden Zelten, bei Sonne und schönem Wetter die kariesbefallenen Ziegel herausbeissen und die Ersatze mit frischem Fug und Trug wieder eindungen.

Jo Schädler,
Eschnerstrasse 64, Bendern

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