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Leserbrief

Der innerliche Stuss

Jo Schädler,Eschnerstrasse 64, Bendern | 5. September 2015

Rassismus

Den Leserbrief von Frau Schierscher mit dem Titel «Introspektion eines Jassministers», gemeint ist mit Introspektion die Selbstbeobachtung, also der Blick nach innen, gilt es auch einer Inspektion zu unterziehen. So einfach, wie sie sich das vorstellt, ist die Sache nicht. Sie justiert in ihrer Abhandlung, welche der alles vom Tisch fegenden Bewegung gleichkommt, die Äusserung des Bayrischen Innenministers und eines Schaaner Jassers als unreflektierten Stuss. Justieren im Sinne des Ausrichtens einer Kanone, um den sicheren Schuss abzufeuern, oder aber als etwas selbstherrlichem und vernichtendem Herumfuchteln mit der Waage der Justitia.
Jene, die tatsächlich glauben, man könne Rassismus mit der Keule erschlagen, sollten sich den Schleier von den Augen wischen. Die Menschen in Europa blicken auf die riesigen Flüchtlingsströme mit gemischten Gefühlen. Es ist nicht Angst, die sich breitmacht. Eher werden die vielen Flüchtlinge als Belastung empfunden. Die sich vor allem in den europäischen Ballungszentren aufstauenden sozialen, gesellschaftlichen Unterschiede ticken wie Zeitbomben und entladen sich bei kleinsten Funken. Ein Blick nach Banlieus Paris sollte wachrütteln. Dort vegetieren Tausende Neuankömmlinge ohne Arbeit, ohne Zukunft, ohne Hoffnung auf ein wirklich besseres Leben dahin.
Der Rassismus lebt und gedeiht überall. Es sind nicht die brennenden Asylantenheime, das Wort «Neger» oder das Schimpfen über die «Sch... Ausländer». Es ist der tägliche Rassismus. Jener beginnt am Morgen im Bus, wo der Platz neben dem schwarzen Mann leer bleibt. Er beginnt bei der Selektion der neuen Wohnungsmieter. Er beginnt bei der Stellenvergabe. Er beginnt jeden Tag in fast jedem von uns aufs Neue.
Die selbsternannten Rassismus-Polizisten, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit alles brandmarken, was sie als rassistisch aburteilen, tun den Neuankömmlingen damit keinen Gefallen. Sie verbieten die Stimmen, die sie nicht hören wollen, lassen die Gedanken verstummen und zwängen ihre Mitmenschen in den von ihnen gemachten Moralschraubstock. Dümmliche Etappensiege. Das Recht auf ihrer Seite wissend, wird jeder mundtot gemacht und selbst kleinste ironische Worte vernichtend ausradiert.
Will man den Rassismus bekämpfen und dem Zusammenleben der Menschen Gutes tun, dann muss man darüber reden – und zwar auch dann, wenn man unterschiedlicher Meinung ist. Eine Gesellschaft kann nur gedeihen und wachsen, wenn sie in der Lage ist, auch unbequeme Ansichten zu ertragen.

Jo Schädler,
Eschnerstrasse 64, Bendern

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