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Leserbrief

Der Papst und seine Weltanschauung: Philosophie

Víctor Arévalo, Univ.-Prof. Dr. iur.,Auring 56, Vaduz | 21. Mai 2015

Glaube

Wird nach der Philosophie des Papstes gefragt, frappiert alle, wie selbstsicher bundesrepublikanische Leitartikler darauf antworten können: Der Papst ist ein Schüler des deutschen Philosophen Romano Guardini (1885–1968). Alle Fachjournalisten bläuen ihrer Leserschaft solches ein, ohne sich darüber zu informieren, wer R. Guardini wäre und wie der Papst sein Schüler hätte sein können. Wer R. Guardini für seinen Leitstern hält, ist hingegen der Expapst, Benedikt, der vieles über seinen Meister geschrieben hat und als der Spitzenfachmann seiner Theologie gilt.
Gemeinsam haben Jorge B. und R. Guardini lediglich den Nexus, zwei italienisch-stämmige katholische Priester zu sein; beide zwar Arbeiterkinder von Einwandererfamilien, aber darüber hinaus nichts weiter. Während eines Deutschlandbesuchs hielt sich Jorge ein Paar Wochen Mitte der 1980er-Jahre an der Jesuitenkommunität St. Georgen in Frankfurt auf. Zeugnisse, dass er sich mit Guardini beschäftigt hätte, wie die deutsche Presse behauptete, blieben keine.
In unseren langen Gesprächen über Philosophie und Theologie wurde Guardini nie erwähnt. Für Jorge ist Philosophie die Wissenschaft, die sich mit der Frage nach dem Sinn der menschlichen Existenz beschäftigt. Daraus ergibt sich auch eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn alles Seins. Diese Einstellung entfliesst den Werken von Axel Hägerström (1868–1939), Edmund Husserl (1859–1938) und Martin Heidegger (1889–1976). Der Paradigmenwechsel, den diese Denker begannen, dauert noch an und betrifft alle Wissensbereiche. In solcher Philosophie wurzelt «Freude des Evangeliums» (Evangelii Gaudium), wenn im Absatz 222 der Leitsatz steht: «Die Zeit ist mehr wert als der Raum.» Dies bestätigend finden wir, Absatz 224, ein einziges Zitat Guardinis: «Der Massstab, an welchem eine Zeit allein gerecht gemessen werden kann, ist die Frage, wie weit in ihr, nach ihrer Eigenart und Möglichkeit, die Fülle der menschlichen Existenz sich entfaltet.» Das Zitat geschah auf Empfehlung eines Übersetzers, weil danach die Kongobischöfe zu Wort kommen. Das Grundprinzip der Phänomenologie E. Husserl bricht so durch und wiegt vor: «Zurück zu den Sachen!»
Die Unwahrheiten, die Fachjournalisten über die Philosophie des Papstes verbreiteten, hatten vor, ihn als einen Dritte-Welt-Priester, Lehrling, Jünger und Gehilfe des Grossmeisters, Benedikt XVI., abzustempeln. Der Schuss ging jedoch voll nach hinten los. Philosophie lässt sich nicht erfinden!

Víctor Arévalo, Univ.-Prof. Dr. iur.,
Auring 56, Vaduz

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