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Leserbrief

Bei Lichte betrachtet

Joseph Schädler, Eschnerstarsse 64, Bendern | 18. Mai 2015

Landtagsbau

«Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt, behaart und mit böser Visage. Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt und die Welt asphaltiert und aufgestockt
bis zur dreissigsten Etage», so beginnt Erich Kästners wunderbares Gedicht: Die Entwicklung der Menschheit. Wie es scheint, haben sich nach der Entlockung aus dem Urwald nicht alle Affen gleich weiterentwickelt. Nur die einen haben es bis zur dreissigsten Etage geschafft. Wir sind schon bei nur drei stehen geblieben und selbst mit jenen haben wir unsere liebe Not. Wer hätte einst gedacht, dass dieser doch recht seltsame Landtagsbau mit seinen nur zwei Stockwerken schon nach ein paar Jährchen ein grober Sanierungsfall ist? Oder dass die Post in Eschen mit gerade einmal drei Etagen schon nach 14 Jahren praktisch abgerissen werden musste. An das Resch in Schaan, wie an die meisten öffentlichen Bauten gar nicht zu denken. Entweder sind unsere Architekten und Planer ihrer Aufgabe nicht mächtig, oder wir haben den Begriff «Wegwerfgesellschaft» vollständig falsch verstanden und glauben ihn auch auf unsere Bauten anwenden zu müssen. Obwohl beim Landtagsbau bekommt er doch eine gewisse Verlockung. Vor Baubeginn haben viele Experten davor gewarnt, diesen Backstein in dieser Art zu verwenden. Als Mauerziegel, Dachziegel, Kopfsteinziegel, Treppenziegel, wäre er für unsere klimatischen Verhältnisse das denkbar ungeeignetste Baumaterial. Einmal die klimatischen Verhältnisse von aussen. Da wäre der erste Übeltäter der alles austrocknende Föhn, dann die eisigen Winde aus dem Unterland, dann wieder Temperaturschwankungen, welche nur die ganz hartgesottenen und hagebuchenen Gesellen unter uns auszuhalten imstande sind. Und so wie diese wird auch dieser Ziegel seine Eigenschaften niemals ändern. Dann das Kuriosum von innen. Dieser enorme Druck, der durch die vielen Ziegel auf den Abgeordneten lastet. Obwohl sie ihn nicht spüren und nicht real wahrnehmen, ist er doch da. Zu vergleichen, wenn einer in seiner Garage steht und den Motor von seinem Wagen laufen hat. Auf einmal fällt er um und ist mausetot. Dabei hat er gar nichts gemerkt. So gibt es eigentlich nur einen Abriss, der uns davor bewahren wird, damit dieser unselige Ziegelhaufen nicht noch weiter schadet und um der letzten Strophe bei Kästner zu entgehen, die da lautet: «So haben sie mit dem Kopf und dem Mund den Fortschritt der Menschheit geschaffen. Doch davon mal abgesehen und bei Lichte betrachtet, sind sie im Grund noch immer die alten Affen.»

Joseph Schädler,
Eschnerstarsse 64, Bendern

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