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Leserbrief

Castoreum Bibergeil

Jo. Schädler,Eschnerstarsse 64, Bendern | 13. Mai 2015

Umgefahrener Pfosten

Nun hat es wieder einen erwischt. Diesmal aber keinen Biber, obwohl unsere Staatsjäger bibergeil scheinen und munter weitere Abschüsse planen. Die Rede ist von einem Eisenpfosten in Vaduz, wie die Landespolizei (lpfl) vermeldet. Dort soll eine unbekannte Täterschaft, mit einem unbekannten Tatfahrzeug einen «im» Adlerkreisel befindlichen Eisenpfosten zwischen einer unbekannten Anfangszeit, bis zum Sonntagmorgen um 10 Uhr, also der bekannten Endzeit umgefahren haben, ohne sich beim Geschädigten zu melden. So steht das wörtlich in der Zeitung. Die Endzeit bedeutet damit wohl die Zeit des Ablebens des Pfostens selbst, der ja wohl der wahre Geschädigte ist.
Die Anfangszeit ist also nicht bekannt, muss aber von Rechts wegen unbedingt ermittelt werden. Denn wurde der Geschädigte absichtlich geschädigt, dann ist auszuforschen, wann der Anfangszeitpunkt der Bildung des zu dieser schrecklichen Tat erforderlichen kriminellen Willens einsetzte. Dabei kann es sich um einen seit Jahren schwelenden Hass auf diese Eisenpfosten, oder um eine plötzliche Aggression handeln und die Tat wurde im Affekt begangen, was mitunter zu einem Freispruch führen würde.
Es ist jedoch anzunehmen, dass unsere Exekutive diesen Fragen erst gar nicht auf den Grund geht, sondern annimmt, der Schadenverursacher wäre ein Fahrzeugnichtbeherrscher gewesen und dass bei ihm vorsorglich starker Alkoholkonsum vermutet werden muss.
Wie man also sieht, weiss die «lpfl» rein gar nichts. Weder Täter noch Zustand noch Zeit. Noch weiss sie, dass der Pfosten gar nicht im Kreisel, sondern am Rande dessen gestanden haben muss. Hätte er im Kreisel gestanden, wäre der unbekannte Täter wahrscheinlich keiner. Sie weiss noch nicht einmal, dass diese Pfosten nicht aus Eisen, sondern das konische Achtkantrohr aus Stahlblech, der schwere Sockel aus Baustahl und allerhöchstens der runde Knopf aus Gusseisen ist. Dabei sind diese putzigen Pfosten inzwischen das Einzige, was das Land noch attraktiv macht und schon lange allein wegen ihrer schieren Anzahl hätten Eingang in das Buch der Rekorde finden müssen.
Vom Biber, die wir als bekannte Täter ausfindig gemacht haben und rücklings abknallen, wissen wir weitaus mehr. So zum Beispiel, dass das meist braune Fell des Bibers mit 23 000 Haaren pro Quadratzentimeter (Mensch: bis zu 600 Haare pro Quadratzentimeter) sehr dicht ist und ihn vor Nässe und Auskühlung schützt. Der Pelz wird regelmässig gereinigt und mit einem fetthaltigen Sekret, dem Bibergeil (Castoreum), gepflegt.

Jo. Schädler,
Eschnerstarsse 64, Bendern

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