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Leserbrief

Jetzt werde ich auch polemisch

Ruth Schöb, Auring 57, Vaduz | 2. Mai 2015

KVG-Revision

Die Regierung schiebt Verantwortung ab, die Einkommensanreize für Ärzte werden nicht verändert: Einzig und allein wir alle, die Versicherten, werden mit dieser kleinen Krankenversicherungs-Reform stärker in die Pflicht genommen.
Diese Reform ist ein schönheitschirurgischer Eingriff, der den Patienten «Gesundheitssystem» nicht gesund werden lässt. Die Politik, die das Thema sehr lange verschleppt hat, wird damit aus der Verantwortung genommen.
Bis vor wenigen Jahren wurde den ansteigenden Gesundheitskosten mit Erhöhungen des Staatsbeitrages begegnet, das tat den Versicherten und Wählerinnen und Wählern nicht weh. Den Leistungserbringern im Gesundheitswesen auch nicht.
Dieses Aufschieben von überfälligen Reformen und notwendigen staatlichen Eingriffen führte in den letzten 15 Jahren aber zu einem übermässigen Anstieg der Gesundheitskosten.
Die Schuld für diese Entwicklung gibt die Regierung zumindest medial den «Ärzten». In der Vorlage an den Landtag ist das aber nicht spürbar, für diese wird sich kaum etwas ändern. Ein öffentlicher Zankapfel zwischen Ärztekammer und Regierungsrat ist aber die angedrohte Befristung der Konzessionen (OKP-Verträge) der Ärzte. Dies ist Schattenboxen, mit dem von der Tatsache abgelenkt werden soll, dass fehlbare Ärzte weder benannt noch klar bestraft werden. Wäre die Regierung dem Beispiel Schweiz gefolgt, würden die Leistungserbringer regelmässig beaufsichtigt und fehlbare Ärzte verwarnt und gebüsst.
Den Versicherten aber wird von der Regierung signalisiert, dass sie sich in den letzten Jahren verantwortungslos verhalten haben, weil sie vergleichsweise oft unnötig zum Arzt gingen. Versicherte werden angehalten, mehr zur Kostensenkung des Gesundheitswesens beizutragen. Neu sollen alle durch eine 300 Franken höhere Franchise und einen wählbaren Selbstbehalt bis 4000 Franken pro Person über den Geldbeutel zu mehr Eigenverantwortung erzogen werden. Dies führt zu einer Entsolidarisierung zwischen Erkrankten und Gesunden und zwischen Wohlhabenden und der Mittelschicht. Welche vierköpfige Familie, zum Beispiel ein Elternpaar mit zwei Jugendlichen in der Lehre, kann es sich schon leisten, 16 000 Franken auf der hohen Kante zu haben, um eine Prämienreduktion zu erhalten? In den Genuss der Reduktion kommt die Familie wohlgemerkt nur, wenn alle gesund bleiben!
Dieses einseitige Reförmchen wird den Mittelstand finanziell treffen, die Gesunden und Wohlhabenden entlasten. Sie wird aber auch dazu führen, dass mehr Leute staatliche Prämienverbilligungen beziehen müssen, weil sie die hohen Kosten nicht mehr aus eigener Kraft tragen können.
Die Freie Liste fordert seit Jahren, von der Kopfprämie wegzukommen und eine Einheitskrankenkasse einzurichten. Der Bankdirektor soll mehr für Gesundheitsleistungen bezahlen als sein Raumpfleger. Die Freie Liste verlangt transparente staatliche Eingriffe im Gesundheitswesen, denn es zeigt sich, dass die «freie Marktwirtschaft» zu immer höheren Krankenkassenprämien führt. Die Freie Liste fordert Solidarität zwischen Erkrankten und Gesunden und zwischen Wohlhabenden und Menschen, welchen ein Anwachsen der Prämien existenzielle Sorgen bereitet.

Vorstand der Freien Liste

Sehr geehrter Herr Regierungsrat Pedrazzini,
dass das Gesundheitswesen reformiert und die ausufernde Kostensteigerung gebremst werden muss, ist unbestritten. Die von Ihnen gewählten Wege, auf denen das geschehen soll, scheinen uns aber keineswegs immer zielführend.
Wissenschaftlich nachgewiesen ist die Grundversorgung beim Hausarzt die preisgünstigste und effizienteste Medizin, sehr nahe bei den Bedürfnissen der Patienten.
Sowohl die ambulante Versorgung im Spital als auch die fachärztliche Behandlung als erste Anlaufstelle sind teurer und für Patienten aufwändiger (wenn auch in bestimmten Fällen natürlich gerechtfertigt oder sogar nötig).
Das «Hausarztsterben» ist ein Problem, das auch in den angrenzenden Ländern bekannt ist. Dort wird aber versucht, politisch Gegensteuer zu geben – und das ist teilweise schon gelungen, etwa in der Schweiz, die nun für etliche junge Liechtensteiner Kollegen attraktiver ist als ihr eigenes Land!
Die Forderung einer Befristung des OKP-Vertrages auf vier (oder sechs) Jahre trifft die Grundversorger ganz besonders. Und auch die Patienten: Wenn ein Patient zu seinem Hausarzt über Jahre eine gute Beziehung aufgebaut hat, vielleicht noch alt ist, mit vielerlei Gebrechen oder chronischen Krankheiten – und plötzlich soll er den Hausarzt wechseln, weil dieser nicht mehr mit der Krankenkasse abrechnen darf?!
Ein Hausarzt, der alle Patienten betreuen sollte, die seine Hilfe brauchen (nicht nur «gut betuchte», zusatzversicherte Patienten), ist ohne Krankenkassenvertrag finanziell praktisch nicht überlebensfähig. Dies ist wohl einer der Gründe dafür, dass in Liechtenstein kaum junge Kollegen zu finden sind, die in eine Hausarztpraxis einsteigen oder sie übernehmen wollen.
Eine weitere wichtige Bedrohung der Hausarztmedizin ist die undurchsichtige und unbefriedigende «Arithmetik» der Bedarfsplanung, die die Realität überhaupt nicht abbildet: Denn es stimmt zwar, dass es «auf dem Papier» genug Grundversorger gibt, aber von diesen arbeiten viele (zum Beispiel ältere oder weibliche) Kollegen Teilzeit. Aktuell sind 50 Prozent der Hausärzte über 56 Jahre alt, ein Hausärztemangel ist also kurzfristig programmiert!
Im Augenblick droht einem jungen Kollegen also nicht nur das Schreckgespenst des Verlustes eines Kassenvertrages nach vier Jahren (wobei die Gründe dafür nicht streng geregelt sind, es kann einem also auch ohne ein schweres Vergehen gegen das Wirtschaftlichkeitsgebot drohen!), sondern er bekommt erst gar keinen solchen Vertrag!
Unter diesen Umständen ist es kein Wunder, dass Hausarzt-Praxen geschlossen werden müssen, ohne dass ein Nachfolger gefunden werden könnte.
Nicht nur die «Billigmedizin» ist das drohende Szenario, sondern mehr noch das Aussterben der Hausarzt-Medizin – und das ist «ein Schuss, der nach hinten losgeht»: denn damit wird die Grundversorgung sicher teurer!!
P.S.: Die weibliche Formulierung ist immer mitgemeint!

Biedermann Gisela, Vaduz; Budissek Jolanta, Vaduz; Bürzle Hermann, Balzers; Canova Brigitte und Claudio, Triesen; Deckert Ulrike und Zbigniew, Balzers; Egli Daniel, Triesen; Frick Pepo, Mauren; Hermann Ecki, Schaan; Jehle Odette, Balzers; Jehle Thomas, Eschen; Kindli René, Mauren; Matt Egon, Mauren; Marxer Alexandra, Schaan; Meier Hannes, Eschen; Oehry Manfred, Ruggell; Stoll Margrit, Mauren; Walch Andreas, Triesen; Walch Dieter, Vaduz; Wanger Christoph, Schaan; Wille Tonio, Balzers

Auch wenn ich bei den Lesern mit meinen diversen Briefen vielleicht Unmut auslöse, ärgert es mich sehr, wenn ich im Leserbrief von Dr. oec. H. Werle, Vaduz, Sätze vorfinde wie: «Dass das Land Liechtenstein durch seine Zuschüsse zur Finanzierung des teuren Gesundheitssystems die Millioneneinkommen der Ärztekammerspitze ermöglicht.» Oder: «Dass die Ärztekammerspitze ihre Umsätze nicht offenlege, weise darauf hin, dass sich möglicherweise in ihren Reihen auch Personen befinden, die Millioneneinkommen kassieren.»
Solange die Regierung, das reiche Land Liechtenstein, diverse feudale Botschaften in aller Herren Länder unterhalten kann, kostspielige Auslandreisen ihrer Regierungsmitglieder (auch in Drittweltländer, die noch nie von Liechtenstein hörten) finanziert, sollte es auch möglich sein, das Gesundheitswesen zu subventionieren. Soviel zum einen, wobei es noch etliche andere Beispiele geben würde, wie Regierungsgelder «grosszügig» fliessen.
Im Übrigen besteht die Ärztekammerspitze aus der Präsidentin und der Vizepräsidentin. Zumindest verstehe ich dies so, Herr Werle. Die Damen haben Namen und nehmen ihren Beruf beziehungsweise Berufung sehr ernst. Es geht ihnen dabei um die Gesundheit, um die bestmögliche Behandlung ihrer anvertrauten Patienten, die kann im Einzelfall sehr teuer sein, und nicht um den schnöden Mammon.
Vielleicht schwer nachvollziehbar für einen Dr. oec.? Begreifbar aber für jeden, der weiss, welche Verantwortung ein Zwölf-Stunden-Tag, vielleicht danach noch Notfallnachtdienst, der gewissenhafte Arzt trägt. Dass ein Arzt auch etwas verdienen darf für seine Leistungen und seine Jahre dauernde Aus- und Weiterbildung, versteht sich von selbst, wobei die Gehälter der CEO, Banker, Manager, Treuhänder um einiges höher sind. Verkürzt könnte man sagen; Geld gegen Leben und Tod eines Menschen. Welche Berufsgruppe dürfte da nun finanziell mehr profitieren?
Ich hoffe, der Landtag ist sich der gravierenden essentiellen Konsequenzen bewusst, wenn die KVG-Revision so angenommen wird, wie sie jetzt vorgesehen ist.
Ja, Herr Werle, das war jetzt auch Lobbying für die Ärztekammer!

Ruth Schöb,
Auring 57, Vaduz

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