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Leserbrief

Schupplers Muselmänner

Jo. SchädlerEschnerstrasse 64, Bendern | 27. April 2015

Vom «Mus»

Landvogt Josef Schuppler berichtete 1815 an den Fürsten in Wien über den Liechtensteiner unter anderem: «Der Liechtensteiner sucht sein Glück im fröhlichen Müssiggange. In seinem Charakter ist er sinnlich, falsch, eigennützig, zank- und streitsüchtig. Sein Äusseres ist schmutzig, abgeschmackt, ungeschickt und bis zum Ekel schleppend. Nach Landessitte muss des Tages hindurch fünfmal gegessen und wenn man es vermag zweimal getrunken werden.» Schuppler muss ja ein scharfes Auge gehabt haben. Obwohl sein Blick auch bis in die Kochtöpfe der damaligen Zeit reichte, erkannte er nicht, welche Tragweite dort drinnen keimte. Auf den Tellern und in den Pfannen jener Zeit war nämlich des Liechtensteiners Grundnahrungsmittel – Mus. Holdermus, Ribelmus, Pflaumenmus, Habermus, Grismus und wenn die Kapazität der Mostfässer ein paar Äpfel übrig liessen, auch etwas Apfelmus. Mus von morgens bis abends. Wegen seines dürftigen Nährwerts musste Mus natürlich fünfmal am Tag gegessen und mit Most eingeschlämmt werden.
Das gute «Mus» hat uns niemals mehr verlassen. Einige andere Eigenschaften, die Schuppler notierte, wohl auch nicht. Auch heute verwenden wir Mus bei jeder Gelegenheit. Jeder abgeschmackten Falschheit kleben wir noch eine Portion Mus hinterher. Macht einer eine Aktion, die dem anderen nicht passt, begeht er Aktionismus. Versucht einer seine Popularität zu steigern, wird ihm Populismus vorgeworfen. Und so geht es immer weiter. Rassismus, Sexismus, Homophobismus, Christianismus, Faschismus, Extremismus, Anarchismus u. v. m. So ist aus dem einstigen «Mus», das kaum stärkende Eigenschaften hatte, das heutige, sehr starke und schlagkräftige «Iss Mus» geworden. Jeder verwendet es bei jeder Gelegenheit als Keule, um den andern zu erschlagen.
Die Freie Liste ortet bei Bischof Haas den Drang zur Rechtslastigkeit und bei den Steuereinnahmen fehlenden Ernst, wofür man ihr Aktionismus unterstellt. Wissend, dass die Religionsfreiheit über allem steht, sieht sie in den Chrisam Messen Fundamentalismus und katholischen Rechtsextremismus. Diesen müsse man vehement entgegentreten. Sie merkt dabei nicht, dass sie sich damit über ihren erträumten Hedonismus zum Alarmismus begibt und sich den Anachronismus zu eigen macht.
So ist im Laufe der Zeit aus dem hungernden Musfresser ein gebildeter Musverwender geworden, der sich mit Hilfe des Suffixes «Mus» im Absolutismus sonnt und sich des Liberalismus gerne sehr abgeschmackt und nach Schuppler – bis zum Ekel schleppend bedient.

Jo. Schädler
Eschnerstrasse 64, Bendern

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