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Leserbrief

Dunkle Wurzeleier

Jo Schädler, Eschner Strasse 64 | 20. April 2015

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Das Landesmuseum findet sich und bannt die Lichtlosigkeit als Teil unserer Kultur in seine Räume, um es für uns und unsere Nachwelt festzuhalten. In von sich überzeugter Harmonie macht es den Spannungsbogen zwischen Licht und Nacht zum gestalterischen Element und zeigt mahnend, wie blind und uneinsehend wir doch in Wirklichkeit sind. Weise stülpen seine Gestalter schwarze Nacht über ihre Eier. Das Ei aus dem alles Leben entsteht und aus dem auch wir geboren und entsprungen sind. Wir sollen es nicht sehen, sondern spüren, ahnen, fühlen und keine Anstrengung scheuen, wieder zurückzufinden in den Schoss der Mutter und uns bewusst werden über die allgegenwärtigen Schattenseiten unser Daseins. Das Dunkle, dem Moder und dem Tode nahe, das sein Zuhause tief in der Erde hat und uns nur dann Einblick gewährt, wenn wir sie öffnen, unsere Gräber genauso einzubetten, wie die verschlungenen Adern der Latrinen.
In seinem Tun bürdet uns das Museum die spannende Aufgabe anheim, unsere Wahrhaftigkeit immer wieder neu zu entdecken, um uns loszulösen von Illusionen und Illuminationen. Tiefgründig wird die Ausstellung der dunklen Eier in den hellen Frühling im Jahr der Volkszählung gelegt. Dann im Dezember, wenn die Tagundnachtgleiche uns an den Übergang in das neue Jahr, an neues Werden und Sein ermahnt, dann werden die gleissenden Lichter des Staates uns blenden, katalogisieren und neu nummerieren. Dann werden die eindringenden Fragen der Volkszählung, die schon bei Kaiser Augustus vernichtend durch die Ängste der Menschen drangen, in den Händen der ohnmächtigen Bürger, Neubürger, Illegalen, Asylbewerber, Schwarzarbeiter und dergleichen zittern. So kürt sich das Museum weit hinaus über seinen Daseinszweck und wird Wegbereiter und Vasall, dem Staate sein Streben nach lichtscheuer Ordnung, ohne die er weder leben kann noch will zu sichern.
Während andere Länder alle zehn, zählt der Liechtensteiner alle fünf Jahre, um Gewissheit zu erlangen, dass er niemanden und ja keine Studenten verlor. Die Schweiz macht keine Volkszählung mehr und führt nur noch Stichproben durch. Dort haben die Ämter so viel Selbstvertrauen in ihre eigenen Leistungen, dass sie nicht alle paar Jahre teuer und mühsam nachzählen müssen. Um dem Zählwerk doch noch einen Sinn zu geben und die Gefahr des Verzählens zu bannen, ist zu überlegen, die Beine, die Arme, die Ohren und die Nasen der paar Hansel zu zählen und dann umzurechnen. Aber wie? Durch sieben teilen, oder nur die Wurzel ziehen?

Jo Schädler,
Eschner Strasse 64

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