Leserbrief

Schmauchzeit ist

Jo. Schädler,Eschnerstrasse 64, Bendern | 16. April 2015

S-Bahn und Biber

Dass nun die Österreicher unsere S-Bahn nicht mehr so richtig wollen, erzeugt zum Teil erfreute, aber eben auch sehr unerfreute Gesichter. So haben die einen gebetet, dass der Kelch der Bahn an uns vorbeiziehen möge, andere haben sich erhofft, an den 50 Millionen für die paar Haltestellen mitbetonieren zu dürfen. Andere wiederum hätten in ihr die Krönung ihres politischen Wirkens gefunden.
Es ist dem menschlichen Sein eigen, dass er zum einen nach einer Niederlage, oder nach einer Enttäuschung, oft und gern mit Frust, welche schnell einmal in Wut umschlagen kann, reagiert. Oder im anderen Falle, er sich in Ersatzhandlungen flüchtet. Einmal Ersatzhandlung im Tun selber, oder noch schlimmer im grämenden und zürnenden Wollen. Beispielsweise im willentlichen Herbeipolitisieren einer neuen Bahn, gar hinauf bis nach Malbun, einem Flughafen, einem Weltraumbahnhof, einem Schiffsanlegeplatz oder sonstigem, seinen politischen Auftrag und Drang zu befrieden und Gutes am Menschen zu verrichten. Oder eben Ersatzhandlungen bestreitet, um der Wut und der Enttäuschung nach aussen Ausdruck und nach innen Genugtuung zu verleihen.
Aber warum man den Frust sofort und von ganz oben angeordnet an unseren armen Bibern auslassen muss, ist nicht nachvollziehbar. Weil jene armen Tiere können am allerwenigsten dafür. Man mag ja verstehen, dass nach der Absage Österreichs die Ämter ausser Rand und Band geraten sind. Und auch dass sie ihren Daseinszweck kurzfristig verloren haben und somit der Frust eben hinaus muss, bevor es den ganzen Körper, explizit das Gedärm und auch den Kopf, zerreisst. Und wären nicht die Biber die Zielscheibe geworden, wäre das amtliche Zürnen und Zornen kaum aufgefallen. Es darf befürchtet werden, dass eben die paar abgeknallten Biber noch nicht genug an Wiedergutmachung sind und man nach weiteren wehrlosen Opfern und Zielen suchen wird. Hier bieten sich streunende Hunde und Katzen genauso an wie entflogene Kanarienvögel und herrenlose Kälber.
Da ein Gewehr grad auch noch die phallische Eigenschaft besitzt, seinem Halter Selbstvertrauen zu verleihen, ist es am besten geeignet, Aufgestautes abzubauen. Der laute Knall beim Schuss und der heroische Geruch des Schmauch- und Pulverdampfes betören die Sinne zusätzlich und befreien den Schützen aus seinem inneren Elend und aus seiner Angespanntheit. Eine göttliche Befreiung, die auch mit dem ersten Räderrollen der S-Bahn hätte eintreten können, nun aber mit den armen Bibern hat eintreten müssen.

Jo. Schädler,
Eschnerstrasse 64, Bendern

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