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Leserbrief

Das Schlossblech

Jo. Schädler,Eschnerstarsse 64, Bendern | 11. April 2015

Essanestrasse

Na Servus, Sepp. Nun ist auch noch ein unumkehrlicher Werdegang über uns hereingebrochen, vor dem es kein Entrinnen mehr gibt. Die Rede ist von der Sanierung des Wegstückes von Eschen nach Westen. Bald werden dort Schaufeln und Hacken tief in unsere Mutter Erde eindringen, um die Via Mala des Unterlandes ihrem Zerfall zu entreissen. Dort will sich bald Teer mit Stein zu Geist vermählen, um sich über Raum und Zeit zu erheben, sich dereinst einzubetten in die Landschaft des Unterlandes und in die Herzen seiner Bewohner. Sechsunddreissig Monde werden über das Land hereinbrechen, bis sich das Werk seiner Vollkommenheit annähern wird.
Jahre der Planung, in welchen dem Wegstück selbst, bis hin zu jeder Nebensächlichkeit besondere Würde angedacht wurde, werden sich nun dem Bürger öffnen und ihn teilhaben lassen an den aussergewöhnlichen Leistungen der Ingenieure, Planer, Professoren, Wissenschaftler, Astrologen und Schamanen, die in Gunst und Sold dieses Landes stehen und liegen. Urgründige Volksweisheiten werden den Bau über die langen Monde ebenso begleiten, wie das Wissen um unsere Natur und um unser Sein.
So soll das Werk ausschliesslich im Tagebau seiner Erfüllung zustreben, um die Kraft des Lichtes und der Sonne mit unter die Erde zu tragen, um dereinst dem Wanderer und den Fuhrgespannen, die darüberziehen, den Weg zu leuchten. Alles, was unter die Erde kommt, vom Labsal der Latrine bis hin zu Strom und Gas, soll dann eingebracht werden, wenn der Mond sein volles Haus verlässt und sich alsbald als bleiche Sichel scheu dem Oxident zugewendet. Laternen, Balustern, Baum und Heckenwerke, Schilder, Pfosten, Kandelaber sollen dann eingetragen werden, wenn der aufstrebende Mond sein Gesicht dem Orient seine Sinne offenbart.
Doch schon heute dringt ein Raunen aus wehrlos verzweifelten Unterländer Hälsen, da aus der Stube des Tiefbauamtes die Kunde drang, man wolle alle Flickschuster, Zeinenmacher, Schlangenfänger, Psychopaten, Lappi und Galöri fernhalten, um das dereinst erhabene Werk und Zeugnis menschlicher Willenskraft nicht den zerstörerischen Abgründen von Unterländer Wirrlingen, die nur nach Gulden und Dukaten trachten, preiszugeben.
Eines fernen Tages, wenn die ersten Räder sanft über Kanaldeckel, Pflastersteine, Klump und Doria, rollen soll das Werk den Meister loben. Doch der Segen kommt von oben. Sodann nach Schiller wäre den Planern, oben dort auf dem Schloss, ein Orden aus Blech an die geschwellte Brust zu nageln. Ein Schlossblech fürwahr.

Jo. Schädler,
Eschnerstarsse 64, Bendern

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