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Leserbrief

Die Heirats- schwindler

Jo. Schädler,Eschnerstarsse 64, Bendern | 7. März 2015

Wahlen 2015

Schon einmal war Liechtenstein von einem Rindvieh dermassen verzückt, dass Kenner der Psyche schwere Störungen im Seelensystem erahnten. Die 1958 auf Celluloid gebannte Kuh Ludmilla war dermassen schön, dass sogar Schauspieler wie Heinrich Gretler daneben wie Statisten wirkten. Zwar war die Kuh zu Anfang etwas schwächlich, aber ihre Schönheit hatte es dem Bauern dermassen angetan, dass sogar die Liebe eine Renaissance erlebte. Er überschüttete die wunderschöne Kuh mit so viel Zuneigung, dass sie eines Tages die grösste Milchleistung erbrachte und damit Bauer Josef sehr glücklich machte.
Heute ist Celluloid Geschichte und der digitale Druck hat uns erfasst. Ludmilla ist lange tot und überlässt nun anderen das Schauspielern, die Schönheit und hoffentlich auch die Milchleistung. So blicken heute von den Plakaten keine Kühe, sondern wahlfeile Mitbürger herunter. Mit Ludmilla haben sie allesamt ihre Schönheit gemein. Akkurat, geschniegelt, den Scheitel mit dem Kompass ausgerichtet, glotzen sie nun auf die armen Autofahrer herunter. Aus ihren Augen trieft jener Blick, den auch der geschickteste Barkeeper mit seinem Schüttelbecher nicht zu mixen wüsste. Hoffnung, Scham, Verzweiflung, Furcht und jenes besagte Tröpfchen Kühnheit, das Wagemut und Trotz zu sämigem Schleim emulgiert und dem Träger des Auges seine Unerschrockenheit verleiht.
Heute war in der Zeitung eine ganze Seite voll Ludmillanachfolger abfotografiert. Allesamt hatten sie das Maul zum Wählmichlächeln einen spaltbreit geöffnet. Grad so viel, wie es auch Ludmilla beim Widerkauen hatte. Auffallend waren die ebenmässig schneeweissen Zähne aller Abgelichteten. Keine Zahnlücke, kein Fehlzahn, keine Goldzahn, keine Speisereste und keiner, der den Riebel draussen isst. Aber auch auf den Plakatwänden vermählen sich Accuratus und Schönheit. Allesamt in feinstem Zwirn, so wie ihn auch Heiratsschwindler gerne verwenden. Einer trägt sogar Tiroler Hirschhornknopftracht. Natürlich hat man dem Hirsch nicht explizit wegen dieser Wahl die Hörner herunter geschlagen. Diese durchgehende Schönheit hätte Johann Caspar Lavater allerdings verzweifeln lassen. Vergeblich halten wir Ausschau nach einem spindelnasigen Wunschkandidaten mit Pokerface und Narben der Kühnheit im Gesicht.
Die Urne ist das Gefäss des Todes, was dort drinnen ist, ist tot, wird nie mehr zu Leben erwachen. Und ausgerechnet in so eine Urne stecken wir nun die Namen jener, welchen wir durch unsere Liebe die grösste Milchleistung zutrauen.

Jo. Schädler,
Eschnerstarsse 64, Bendern

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