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Leserbrief

Der Papst und seine Weltanschauung –Licht der Völker

Univ.-Prof. Dr. iur. Víctor Arévalo,Auring 56, Vaduz | 26. Februar 2015

Glaube

Frage an den Papst: «Kann man, wie Ignatius in den Exerzitien schreibt, mit der Kirche fühlen?» Jorge: «Die Kirche ist das Volk Gottes, das sich bereits vor 40 Jahren selbst eine Verfassung gegeben hat. Licht der Völker, Lumen Gentium, taufte diese das zweite vatikanische Konzil und verabschiedete sie mit der Akklamation von 2195 Jastimmen. Theologisch unfehlbar aufgrund des ersten vatikanischen Konzils von 1870 verlieh Papst Paul VI. Lumen Gentium abschliessend Rechtskraft als Verfassung der Kirche, wenn er deren Urkunde am 21. November 1964 unterzeichnete. Jenseits der Rechtsverbindlichkeit eines Grundgesetzes handelt es sich auch dabei um die unmittelbarste Anerkennung der Heiligkeit aller Gläubigen als Gottes Volk. Diese war die Heiligkeit meiner Eltern, meines Vaters, meiner Mutter, meiner Grossmutter Rosa, die mir so sehr geholfen hat, und deren Testament ich immer bei mir im Brevier habe und oft lese, als ob es ein Gebet wäre. Heiligkeit besteht in der Beharrlichkeit des Volkes, das alles Tag für Tag mit Ausdauer auf sich nimmt. Der Grundwert, einem Volk anzugehören, ist theologisch immens, weil, wie die Heilsgeschichte uns lehrt, Gott kein isoliertes Individuum, sondern ein Volk erlöst und zum Subjekt aller Unfehlbarkeit erhebt. Darin liegt jenes, mit der Kirche zu fühlen, das Ignatius als Fühlen mit dem Volk aufhellt. Die Kirche ist weder ein Staat noch ein Raumgebiet, auch wenn sie Staaten verfassen und Raumgebiete urbar machen kann. Die Kirche ist ein Volk!»
Lumen Gentium verwandelte 1964 den Kirchenstaat von einer absoluten in eine direktdemokratische Theokratie. Aber die Unfehlbarkeit von Päpsten, die Clique umzingelten und deren Unterschriften erzwangen, missbrauchten solche Klüngel, um Lumen Gentium zu schubladisieren und die Rechtsfolgen des zweiten vatikanischen Konzils 40 Jahre lang zu hintertreiben. Die Wahl Jorges als Papst, ein Souveränitätsentscheid der Kirche als Volk Gottes, beendete den De-facto-Zustand und erstattete dem Vatikan die Rechtsstaatlichkeit zurück. Der Übergang vom Absolutismus zur Direktdemokratie gehört zu den epochalen Errungenschaften vom zweiten vatikanischen Konzil. Dessen Umsetzung haben wir aber Papst Franziskus zu danken. Diesen Übergang endgültig zu festigen, verlangte allerdings die Unfehlbarkeit der Päpste, das Bollwerk der Defacto-Willkür, abzuschaffen, wie Franziskus «ex cathedra» getan hat, und die Clique-Überreste zu zerschlagen, wie er in seiner Rede an die römische Kurie am 22. Dezember 2014 ankündigte und jetzt vollführt.
Mit freundlichen Grüssen


Univ.-Prof. Dr. iur. Víctor Arévalo,
Auring 56, Vaduz

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