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Leserbrief

Früher war die Zukunft noch schlechter

Jo. Schädler,Eschnerstrasse 64, Bendern | 19. Februar 2015

Gesellschaft im Wandel

Noch vor 50 Jahren war unser Riet von Frühjahr bis in den Spätherbst hinein bevölkert wie heute der Bellevue in Zürich an der Gay Parade. Der eine rannte mit der Güllenschapfe umher, um seine Kabisköpfe zu nähren, der andere musste seinen Türken jäten, der andere versuchte seinem Ross die Böllen abzuschwatzen, um damit dem Kohlrabi auf die Beine zu helfen. Die Weiber mit ihren Hacken trugen alle Kopftücher, damit ihr von der Kernseife ausgemergeltes Haar nicht noch spröder wurde. Und der Schnellste von allen war mit dem schönen Dauerauftrag versehen, nach Hause zu rennen, um den Mostkrug zu füllen. Oft jedoch kehrt er gar nicht mehr auf das Feld zurück, sondern tauchte einfach unter. Im Herbst hiess es dann, die reifen Türkenkolben abzureissen und nach Hause ins Tenn zu fuhrwerken. Und dann kamen eben jene legendären, die Zeiten überdauernden Türkenausziehabende. Aber: Der Neni war wie immer niertig und machte nicht mit. Die Schwiegertochter, die blöde Kuh, durfte nicht mitmachen, weil die wollte nur frühzeitig an die Böden kommen. Und der dümmste Sohn sollte in der Kammer Latein üben. Er war nämlich vorgesehen, dereinst in Innsbruck den Dr. jur. zu machen. Sollte also seine feingliedrigen Händchen nicht am derben Türkenstroh herunterwirtschaften.
Nun hat sich alles geändert. Keiner isst mehr Riebel und der Türken muss nicht mehr ausgezogen und aufgehängt werden. Das Heu lagert in Siloballen auf den Feldern und der Neni versimpelt im Pflegeheim am Fernseher. Nana hat zusammen mit ihrem – trotz Kopftuch – ergrautem Haar schon lange den Pinsel verworfen und die Schwiegertochter hat entweder selber genug Böden, oder aber man hat für sie, weil ukrainische Tänzerin, noch keine Importgenehmigung angefordert. Der lustige Mostholer lässt sich vom Sozialamt über die Jahreszeiten tränken und das Ross in siebter Generation stehend, hat sich die Enkeltochter für Reiterzwecke unter die lackierten Fingernägel gerissen. Der Dr. jur. erzählt jeden Abend am Stamm, wie er früher krampfen und sogar seine Matratze noch mit Türkenstroh füllen musste. Seinen roten Kopf hätte er aber weder vom Lügen noch vom Saufen, sondern der wäre vererbt. Der Bauer geht am Sonntag nicht mehr zur Kirche. Da er die Bibel auswendig kennt, studiert er heimlich neben der Melkmaschine den Koran, um wenigstens ein bisschen mitreden zu können. Im Tenn ist eine subventionierte Neubürgerwohnung integriert und hinter ihren Fenstern dort, lebt Nanas Kopftuch munter fort.

Jo. Schädler,
Eschnerstrasse 64, Bendern

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