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Leserbrief

Physiotherapeut Lins

Friedrich Berger,In der Halde 9, Eschen | 25. November 2014

Zu den aktuellen Diskussionen um die KVG-Reform habe ich mir immer wieder Gedanken gemacht – und auch schon daran gedacht, einen Leserbrief zu schreiben. Manchmal muss man in einer laufenden Diskussion aber warten können. Denn dann kann es sein, dass die andere Seite einen Fehler macht.
Und das ist meiner Ansicht nach mit dem Interview von Hr. Lins im «Vaterland» vom 22. November passiert. Er fürchtet um sein psychosoziales Überleben in diesem Land? Um sein sozioökonomisches auch noch? Und weil er fünf Tage mehr Ferien als seine Schweizer Kollegen finanzieren muss, ist der Tarif für seine Leistungen höher als über der Grenze? Sollte die Tarifreduktion von 22 Prozent kommen, wird seine unternehmerische Motivation im Keim erstickt? Wenn man (noch) ein gutes Beispiel für einen völlig weltfremden und masslosen Vertreter des Gesundheitswesens gebraucht hätte, besser als Hr. Lins kann man das nicht liefern. Unverblümt offenbart er die Geisteshaltung, die anscheinend viele Vertreter unseres Gesundheitssystems durchdringt. Abgesehen von den haarsträubenden Argumenten, der Schwarzmalerei (wie viele Familien müssen mit deutlich weniger als 75 000 Franken pro Jahr über die Runden kommen, Hr. Lins?) und der salbungsvoll vorgetragenen Hoffnung, von Kürzungen verschont zu bleiben, wird es immer offensichtlicher, dass sich in unserem Land ganze Berufsgruppen weigern, ihren Beitrag zu den Sparbemühungen der Regierung und des Landtages zu leisten. Aus meiner Sicht ist die Möglichkeit, in diesem Land als Arzt oder Physiotherapeut tätig zu sein, ein (finanzielles) Privileg, weil unsere Bevölkerung aus unerfindlichen Gründen permanent irgendwelche medizinischen Dienstleistungen in Anspruch nimmt, von denen viele mit einer Prise Eigenverantwortung gar nicht nötig wären. Ein finanzielles Privileg, das auch weiterhin bestehen wird. Wieso haben wir denn eine solche Dichte an Gesundheitsdienstleistern?!
Nach meiner Einschätzung ist Regierungsrat Pedrazzini einer von wenigen, der sich für bezahlbare Prämien und ein transparentes Gesundheitssystem einsetzt. Was muss sich dieser Mann alles anhören! Vom Leserbrief-schreibenden, chronisch kranken Nachbarn, über die ewig verbitterte Ärztekammerpräsidentin bis eben hin zum Physiotherapeuten Lins. Sie alle tun so, als müssten sie umgehend Notstandshilfe beantragen, wenn Hr. Pedrazzini seine Pläne in die Tat umsetzt. Als Arbeitgeber und Vater ist es für mich schwer nachzuvollziehen, welche Beträge ich monatlich für die Krankenkasse bezahle.
Hr. Regierungsrat Pedrazzini, ich wünsche Ihnen für die kommenden Debatten und die politische Umsetzung viel Erfolg! Die Prämien haben ein Niveau erreicht, das widersinnig ist für jemanden, der nicht 10 Mal/Jahr zum Arzt rennt. Sie haben eine Höhe erreicht, bei der so mancher Gesunde versucht sein könnte, endlich einmal einen Arzt aufzusuchen, wenn er monatlich schon so viel bezahlt. Unser System lädt geradezu ein, sich behandeln zu lassen. Und dann bitte auch noch die Zweitdiagnose vom Arzt im Nachbardorf!

Friedrich Berger,
In der Halde 9, Eschen

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