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Leserbrief

Gibt es eine identitätsstiftende Bauweise?

Friedrich von Bültzingslöwen,Dorfstrasse 33, Planken | 24. November 2014

Vergangenes Jahr haben wir eine Reise nach Bhutan gemacht. Vom Buddhismus und von der Verfassung vorgegeben, werden dort alle Häuser – egal welchem Zweck sie dienen – nach einem einheitlichen Stil gebaut. Das Ziel ist, die Identität der Bewohner zu bewahren. In Liechtenstein dagegen ist die Art zu bauen in erster Linie von der Idee der Selbstverwirklichung des Einzelnen geprägt. Wenn wir etwa in Italien ein mittelalterliches Dorf besuchen, so nimmt uns nicht nur die Schönheit der einzelnen Häuser, sondern das Ensemble des ganzen Ortes gefangen.
Diesen geschichtlichen «Vorteil» haben wir hier nicht. Die Geschichte Liechtensteins und seiner Architektur war lange Zeit von Armut geprägt. Es gab nur wenige aussergewöhnliche Häuser im Land. So ist es verständlich, dass unsere Vergangenheit bis auf die Holzbauweise wenig Vorbilder für ein «schönes» Bauen liefert. Die Bauherren wollen in der Regel ein «modernes» Haus. Dieses orientiert sich meist an funktionellen Bedürfnissen. Unsere Dorfbilder zeigen weniger denn je eine liechtensteinische Identität, obwohl diese in letzter Zeit oft hinterfragt wird, sondern eine zufällig erscheinende Ansammlung von individuellen Häusern.
Viele Häuser werden gross dimensioniert gebaut. Dabei wird nicht bedacht, dass von der anfänglichen Familie später oft nur ein bis zwei Bewohner übrig bleiben. Als Arzt habe ich oft zu hören bekommen, dass das grosse Haus dann nur noch ein «Klotz am Bein» ist.
Der bekannte Engadiner Architekt Armando Ruinelli sagt: «Gutes Bauen hat mit Landschaft, Städtebau und dem Umgang mit dem Ort zu tun.» Er möchte in einem Dorf zeitgenössisch weiterbauen im Dialog mit der Tradition. Wo ein grosser Bau das Dorfbild stören würde, lassen sich etwa zwei kleinere Häuser miteinander verbinden. Was viele an Holzbauten stört, die unterschiedlichen wetterbedingten Fassaden, schätzt er: «Man kann den Lauf der Zeit erkennen.»
Stampfbeton ist ein klarer Bezug zu alten Mauern. Während in einer Stadt der Bau mehrerer Häuser das Stadtbild in der Regel kaum beeinflusst, verändert in einem kleineren Ort der Bau jedes weiteren Hauses das Dorfbild als Ganzes.
Wollen wir heute nur noch für uns selbst bauen oder ist uns der Bezug zu den Nachbarn und zum Ortsbild wichtig? Nicht nur jeder Mensch verfügt über eine unbewusste Körpersprache, sondern auch jedes Haus. Ob gewollt oder nicht, macht jeder neue Bau eine öffentliche Aussage: «Schaut her, wer ich bin» oder «Stört mich nicht» oder «Ich bin gerne bei Euch» usw. Diese Fragen betreffen genauso die Architekten, die Baubehörden und vor allem die Gemeindepolitik.
Neue Wege, wie etwa in der Vorarlberger Gemeinde Zwischenwasser, könnten auch für unser Land Modellcharakter haben. Dort wurden im Rahmen einer 4-tägigen Ideenwerkstatt die Einwohner in die zukünftige Dorfentwicklungsplanung erfolgreich mit einbezogen.
Wie also soll sich die liechtensteinische Identität sich in der Architektur äussern? Bleibt die Selbstverwirklichung das einzige Ziel oder begreifen wir, dass kein Mensch eine Insel, sondern immer auch ein Gemeinschaftswesen ist.

Friedrich von Bültzingslöwen,
Dorfstrasse 33, Planken

«Liechtenstein-Saga»

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