Leserbrief

Beutezüge früher und heute – oder: Per Saldo hat sich nicht viel geändert!

Hans Mechnig,Tröxlegass 46, Schaan | 22. Oktober 2014

Früher waren die Verhältnisse relativ einfach. Hat man festgestellt, dass in der Nachbarschaft jemand auf einen grünen Zweig gekommen ist, war meistens auch die Idee nicht fern, selbigen abzusägen. Bezüglich der Umsetzung dieses Vorhabens boten sich in der Regel zwei Alternativen, abhängig vom zu erwartenden Widerstand. Erwartete man eher geringere Opposition, legte man Breitaxt und Morgenstern über Nacht in den Entroster, verfütterte dem Schlachtross eine extra Portion Hafer und schritt am nächsten Tag zur Tat, um die Verteilungsgerechtigkeit wiederherzustellen.
Musste mit grösserem Widerstand uneinsichtiger Geizhälse gerechnet werden, wurde die Sache (unwesentlich) komplizierter. Dann galt es, zuerst Verbündete zu finden. Das geschah in der Regel dadurch, dass man den potenziellen Kandidaten zuerst das Unrecht der gegenwärtigen, realen Verhältnisse in der Vermögensverteilung bewusst machte und ihnen dann – wenn das nichts fruchtete – eine Beteiligung an der zu erwartenden Beute in Aussicht stellte. Dann legte man Breitaxt und Morgenstern über Nacht in den Entroster. Nur das Schlachtross bekam jetzt keine extra Portion Hafer, wegen der Kosten. Schliesslich musste man die Beute diesmal mit anderen teilen.
Heute funktioniert das im Prinzip eigentlich nach wie vor ähnlich. Beispielhaft nehme man die gegenwärtigen Bestrebungen, neue Steuern einzuführen oder Steuern, beispielsweise die Pauschalbesteuerung, zu erhöhen. Heute ist man höchstens eleganter gekleidet. Anstatt der Rüstung trägt man Anzug und Krawatte. Auch die «Bewaffnung» ist raffinierter. An der Stelle von Morgenstern und Breitaxt bedient man sich elegant der Gesetze, seit man entdeckt hat, dass sich diese nicht nur in ihrem ursprünglichen Sinn – dem Schutz vor Beraubung – sondern wunderbar auch für das genaue Gegenteil verwenden lassen.
Verbündete sucht man sich, indem man zum Beispiel von «beträchtlichen (Steuer-)Mehreinnahmen» spricht, die dann verteilt werden können, oder, dass man jemandem, der ohnehin schon das zigfache normaler Abgaben bezahlt, unterstellt, «er beanspruche gegen relativ geringe Gegenleistung Wohnraum und Infrastruktur und hindere damit andere (ordentlich Besteuerte) am Zuziehen».
Wobei letzteres Beispiel zeigt, mit welchem haarsträubenden Unsinn teilweise argumentiert wird, wenn es darum geht, anderen ihr rechtmässiges Eigentum abzunehmen. Aber auch darin pflegen wir schluss­endlich nur das Erbe der Vergangenheit.

Hans Mechnig,
Tröxlegass 46, Schaan

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